Durch den wilden Norden von Saskatchewan

Die meisten Bewohner Saskatchewans leben im Süden der Provinz. Die wahren Abenteuer erlebt man im einsamen Norden: Paddeltouren auf wilden Flüssen, Wanderungen durch boreale Wälder. Unterwegs stößt man auf die Spuren von First Nations und Voyageuren.


Die erste Nacht lag ich schlaflos da und lauschte auf die Stille. Nichts erschien mir in diesem Moment „kanadischer“ als diese Ruhe. Diese Abgeschiedenheit. Bis ein Seetaucher seinen Ruf wehmütig in die Weite schickt. Minuten später setzt ein Überfall der Klänge ein: Die Vogelwelt in den Wäldern rund um Missinipe, 80 Kilometer nördlich von La Ronge, der letzten größeren Stadt vor der borealen Wildnis, stimmte ein Konzert an, das alles vergessen machte, was ich bisher kannte.

Nein dieses Land ist nicht leer. Es ist auch nicht einsam. Doch die meisten seiner gut 1,2 Millionen Einwohner leben in den Kulturlandschaften und Städten des Südens. Uns aber zieht es in den dünn besiedelten Norden mit seiner unermesslichen Weite und ihren vielen Möglichkeiten.

Otter Lake. Foto: Flora Jädicke
Sehnsucht bis zum Horizont. Der Otter Lake in Saskatchwan. Foto: Flora Jädicke

In dieser wasser- und waldreichen Wildnis ahnt man, wie Saskatchewan ausgesehen hat, bevor die Europäer kamen. Einer der ersten, die es bis hierher schafften, war der Entdecker und Geschäftsmann Alexander MacKenzie.

Saskatchewan – Land der Trapper und Voyageure

Er baute den Handel mit Tierfellen über die Hudsons’s Bay Company aus und verhandelte im Cumberland House in Saskatchewan bessere Bedingungen für Trapper und Voyageure, wie die frankokanadischen Trapper genannt wurden. Einst transportierten sie Biber-, Otter- und Fuchsfelle, Holz und Waren durch das Labyrinth der Wasserwege.

 

 

Diane Robertson, die Tochter des Gründers führt die Trading Post weiter. Foto: Flora Jädicke

„Heute kann keiner mehr vom Pelzhandel leben“, sagt Diane Robertson in T. Alex Robertson’s Trading Post in La Ronge. „Die Trapper sind zwar verschwunden“, sagt Diane. „Unsere Trading Post aber gibt es noch.“ 1967 hatte ihr Vater den Laden als Handelsposten für die lokalen Pelzhändler gegründet.

Bis heute ist er eine zentrale Anlaufstelle für die kleine Gemeinde, 70 Kilometer nordöstlich von Saskatoon. Inzwischen werden hier vor allem Produkte aus Saskatchewan, Handwerk und Kunst der First Nations verkauft, erzählt Diane zwischen Biber- und Otterfellen, wildem Reis, Kamelfleisch, Mokassins und Körben aus Birkenrinde.

Der Weg führt vorbei an blühenden Rapsfeldern. Foto: Flora Jädicke

Von La Ronge geht es über den Highway 102 nach Missinipe. Der Weg nach Norden hatte uns von Saskatoon aus erst durch leuchtend gelbe Rapsfelder geführt. Später folgten Nadelbäume, die mit jedem Kilometer nordwärts immer kleiner und knorriger wurden. „Das werdet ihr jetzt die nächsten zwei Stunden sehen“, sagt Corrina Kappelle, unsere Fahrerin – als fürchte sie, das grüne Einerlei könnte uns langweilen.

Auf der Schotterpiste nach La Ronge

Umso erschrockener sind wir über die vielen Baumskelette dazwischen,  die kilometerweit  sie den Highway säumen.  Mit jeder Meile nordwärts wird er mehr zur Schotterpiste. Immer wieder verwüsten Waldbrände ganze Landstriche. „Doch sie erneuern auch den Wald“, sagt Corrina. Das Werden und Vergehen bestimmt schon immer den Rhythmus der Menschen in dieser Region. Uns Europäern aber fällt der Blick auf die gespenstische Kulisse schwer.

Missinipe ist ein Ort, der eigentlich keiner ist. Es liegt idyllisch im Lac La Ronge Provincial Park, am nördlichen Zipfel des Otter Lake. Kaum 40 Menschen leben hier dauerhaft. Im Grunde dreht sich alles hier um Outdoorsport und Fischen. Der kleine Ort hat eine Trading Post, eine Tankstelle, komfortable, aber auch luxuriöse Unterkünfte für Touristen und einen Kanuausrüster. Mit Ric Driedigers Canoe-Guides werden wir auf Tour gehen.

Als ich gegen drei Uhr morgens auf die Veranda trete, scheint Missinipe ganz ungerührt von dem Sonnenaufgangsspektakel der Vögel. Der Otter Lake schimmert spiegelglatt im Zwielicht des neuen Tags, als wäre in all der Ewigkeit nicht eine einzige Mücke auf ihm gelandet. Das allerdings ist ganz und gar unmöglich: Wir haben große Mühe, dieser Plagegeister Herr zu werden – trotz chemischer Keule.

Wildness hinter dem 58. Breitengrad

Zum Frühstück in Thompsons Restaurant bekomme ich  Bratkartoffeln, Eier und Speck. Ich  blicke auf den grünen Vorhang aus Fichten und Kiefern rund um den See. Dahinter erstreckt sich Saskatchewans wilder Norden. Nur zwei Straßen führen knapp über den 58. Breitengrad, danach ist Schluss. Wo die Straßen enden, übernehmen Wasserflugzeuge. Sie bringen Arbeiter und Waren zu den Minen, in denen Uran, Kaolin, Kupfer, Diamanten, Gold und Platin abgebaut werden. 

 

Auch in Missinipe starten und landen „Float Planes“. Meist sind es private Charterflüge, die Touristen zu den Fly-in-Lodges bringen oder zu Abenteuern in die Wildnis. Gerade landet wieder eines. „Sunny side up?“, fragt mich der Kellner und reißt mich aus meinen Gedanken. Das deftige Frühstück ist der ideale Start in einen Outdoortag.

Im Kanu durch Saskatchewans Wildnis

Am besten taucht man mit dem Kanu in diese unwegsame Wildnis ein. Ric und seine Guides Tom, Heidi und einige Teenager haben schon alles vorbereitet. „Jetzt bloß nicht den Anfänger geben“, denke ich. Aber die Sorge um meine Outdoortauglichkeit ist unbegründet. Ric hat die Churchill River Canoe Outfitters 1987 aufgebaut und bietet Touren für alle Level an. Er kennt den Churchill River und die Gewässer des Nordens wie seine Westentasche. 

Start bei den Churchill River Canoe Outfitters mit Tom und Rohan. Foto: Flora Jädicke

 

 

Heidi ist ein der erfahrenseten Guides der Churchill River Canoe Outfitters. Foto: Flora Jädicke

Die Cree nannten den Churchill River Missinipe, „schwieriges Wasser“ oder „großes Wasser“. „Das trifft es ziemlich genau“, sagt Ric. Den Churchill River gibt es eigentlich nicht. „Das ist genau genommen kein Fluss“, erklärt er. „Eher ein System von ineinander fließenden Seen.“ Im 18. und 20. Jahrhundert war er Teil des sogenannten „Voyager Highways“ zwischen der Hudson Bay und dem Polarmeer, die Hauptreiseroute für die Voyageure und die hier lebenden Chipewyan, Cree und Assiniboia. 

Der See liegt ruhig. Das kann sich schnell ändern. Dann sollte man wissen, wo es Unterschlupf gibt. Foto: Flora Jädicke

Die meisten Touristen kommen heute nicht wegen der historischen Sehenswürdigkeiten hierher, erfahren wir. Nicht wegen Stanley Mission, einer First Nations-Siedlung im borealen Wald oder wegen der Holy Trinity Anglican Church, Saskatchewans ältestem Gebäude. Auch die Felszeichnungen der First Nations oder der zehn Meter hohe Nistowiak-Wasserfall stehen kaum in der Gunst der Besucher.

„Das hier ist das Eldorado für Angler, Kanuten und Kajakfahrer“, sagt Ric. Im klaren und kalten Wasser des Missinipe tummeln sich Forellen, Hechte und Barsche. Das zieht Angler und Wassersportler aus der ganzen Welt an. Und auch wir verlieren keine Zeit, wollen in die Kanus.

Tom stellt unsere Guides vor. Der Bergführer stammt aus Canmore in Alberta. Im Sommer kommt er mit seinen Kindern Ruth und  Rohan nach Missinipe und begleitet Kanuten auf ihren Touren. Ruth ist zwölf Jahre alt, Rohan knapp 16 – er wird mich begleiten.

Bevor es losgeht, gibt es noch eine Einweisung von Heidi und eine Warnung: „Stiff hips sink ships“ – steife Hüften versenken Schiffe –, sagt sie, grinst und bringt mit sattem Hüftschwung das Kanu ordentlich in Bewegung. Die Botschaft ist angekommen: locker bleiben!

Über den Devil Lake immer nache Westen

Ruhig und kräftig stechen die Paddel durch den Devil Lake Richtung Westen. An Manitou Islands Nordspitze wird das Wasser mit einem Mal unruhig und zwängt sich am Mosquito Rapid durch einen engen Kanal zwischen zwei Inseln. Plötzlich verwandelt sich der Devil Lake in brutale Kraft und pure Energie. „Keine Sorge“, ruft Rohan hinter mir, „da müssen wir nicht durch.“

Wir tragen die Boote samt Proviant über Land und setzen sie am Südufer unterhalb der letzten Strömungswirbel wieder ins Wasser. Beeindruckend, wie die Kids die schweren Kanus über den schmalen Waldweg wuchten und wie das Wasser sich ganz plötzlich wieder beruhigt. Fast schwerelos gleiten wir weiter über den Barker Lake, vorbei an den Murray Falls. Pelikane landen in einiger Entfernung. Über uns kreist ein Weißkopf-Seeadler auf der Suche nach Futter. 

Für den Rückweg nach dem Picknick verspricht uns Tom ein echtes Wildwassererlebnis. Spätesten beim dritten der Three Sister Rapids weicht das anfänglich mulmige Gefühl einem unbändigen Spaß. „Einfach immer weiterpaddeln“, ruft Rohan. Dann sucht er sich seinen Weg in die Mittelströmung und überlässt uns dem Lauf des Wassers.

Er ist die Ruhe selbst, ganz im Gegensatz zu mir und dem tosenden Wasser unter dem Kiel. „Ist dir aufgefallen, dass wir die Einzigen sind, die nicht nass geworden sind“, fragt er und strahlt hinter seiner verspiegelten Sonnenbrille. „Ja“, denke ich später bei Ric’s Lagerfeuer und Barbecue. Ein Teenager, der lieber in der Weite der borealen Wildnis zuhause ist, als in den sozialen Netzwerken. Das gibt es wohl nur noch in Saskatchewan. 

Kanada ist Lagerfeuer Feeling pur. Auch bei Ric in Saskatchewan. Foto: Flora Jädicke

 

Tipps  für Saskatchewans Norden

INFROMATIONEN:
Tourism Saskatchewan, Tel. 01805/52 62 32 (0,14 EUR/Min aus dem Festnetz, max. 0,42 EUR/Min mobil). www.tourismsaskatchewan.com/deutsch

ANREISE:
Flug mit Air Canada www.aircanada.com oder Lufthansa www.lufthansa.com nach Toronto, Calgary oder Vancouver. Von dort mit einem Inlandsflug nach Saskatoon.

SEHENSWERT:
Im Prinz Albert National Park kann man wandern, kanufahren und campen. Ein Highlight ist die Wanderung zum Blockhaus von Grey Owl, Kanadas erstem Umweltschützer www.pc.gc.ca.
Einen Besuch wert sind die Robertson’s Trading Post in La Ronge (308 La Ronge Ave) und die Gemeinde Stanley Mission mit der Holy Trinity Church.

TOUREN:
Bei den Churchill River Canoe Outfitters kann man Kanu- und Kajaktouren buchen, auch mehrtätige Trekkings www.churchillrivercanoe.com
Osprey Wings bietet private Flüge mit dem Wasserflugzeug www.ospreywings.ca
Angeltouren auf Pontoonbooten sind im Programm des Thompson’s Camp www.thompsonscamps.com

UNTERKUNFT
In Thompson’s Camps in Missinipe übernachtet man entweder in luxuriösen Ferienhäusern mit Balkonterrasse, Grill und Jacuzzi oder in kleinen gemütlichen Appartements mit Blick auf den Otter Lake. (Tel. +1 (306) 635 2144,
www.thompsonscamps.com, ab 160 CAD pro Nacht).
Die Churchill River Canoe Outfitters bieten ebenfalls Ferienwohnungen und Häuser an (DZ ab 95 CAD, Walker St., Missinipe, Tel. 1 (306) 635-4420, www.churchillrivercanoe.com.
Das Elk Ridge Resort im Prince Albert National Park bietet ein Komplettprogramm mit Spa und Restaurant (DZ ab 271 CAD, Frühstück zwischen 8 und 14 CAD, Hwy 264, Waskesiu Lake, www.elkridgeresort.com

 

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