In Saas Fee ist Ruhe der wahre Luxus

„Wenn man hier nur bleiben könnte.“ So soll der Schriftsteller Carl Zuckmayer beim Anblick von Saas-Fee einst wehmütige geklagt haben. Der Mann, der das Drehbuch zu „Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich schrieb, suchte schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts den wahren Luxus. Die heilige Stille der Berge. Nach diesem Luxus muss man im Schweizer Wallis nicht lange suchen.

Von Flora Jädicke

Jede Kehre, die das Postauto zwischen den unwirtlichen Schieferhängen der mächtigen Walliser Berge nimmt, lässt diesen Satz wahrer erscheinen. Weg vom Lärm der Städte. Rein in die Natur, die man so ursprünglich wie im Wallis kaum anderenorts zu findet. Holzhäuser, denen die Sonne über Jahrhunderte das Gesicht schwarz verbrannt hat, klammern sich an jeden noch so kleinen Felsvorsprung, entlang der Passstraße. Ihre Bewohner trotzen seit Urzeiten dieser schroffen Landschaft, die einen ganz eigentümlichen und wilden Zauber hat.

Erhaben und dramatisch sind die Viertausender rund um Saas Fee. Foto: Flora Jädicke

Von Oktober bis in den Mai hinein liegt das Wallis garantiert unter einem weißen Wintermantel. „Frau Holle muss von hier sein“, amüsieren sich die Saastaler in ihrer Ferien-Broschüre. Als ich am Mittag in Saas-Fee ankomme, scheint sie gerade auswärts unterwegs zu sein. Und auch von den 14 Viertausendern, rund um das bekannte Bergdorf sehe ich gerade mal den untersten Teil. Auch der imposante Gipfel des 4545 Meter hohen Dom, des höchsten Berges der Schweiz versteckt sich in den Wolken. Ganz schön keck, denke ich mir. Wirbt doch die gleiche Broschüre mit dem Satz: „Die Sonne ist unser häufigster Gast.“

Saas-Fee im Flüstermodus

Nun gut! Bruno Schaub vom Saastal Marketing grinst verschmitzt. „Wir sind hier ein wenig eigenwillig“, sagt der Baseler. Was das heißt, wird schnell klar. Saas Fee scheint in einer Art Flüstermodus zu laufen. Links und rechts wuseln seltsam anmutende Gefährte mit einem Glöckchen auf dem Dach um die Flaneure auf der überschaubaren Hauptstraße. Das Bergdorf ist autofrei und der Strom für die eigenwilligen E-Tuck-Tucks kommt aus sauberer Wasserkraft aus den Bergmassiven. Der Winter hat den Ort fest im Griff. Die Luft perlt wie Champagner. Ab 22 Uhr herrscht hier Ruhe. Bergruhe, statt Après-Ski-Halligalli. Was für ein Luxus!

Am Rande von Saas Fee. Puderzucker Idyll. Foto: Flora Jädicke

Bruno begleitet seine Gäste hinauf auf den Hannig. Eine bequeme und entspannte Winterwanderung im Herzen der Viertausender.

Unwirtlich wirken diese Berge auf den ersten Blick. Davon lasse ich mich nicht abschrecken. Das wahre Wintermärchen ist die sanfte Stille, die meterdicker Schnee über den rauen Fels legt, als wolle er die raue Wirklichkeit dieser Berge ein wenig veredeln. Mit und ohne Sonnenschein hat das seine Wirkung und sie hält oft an bis in den Sommer hinein. Diesem beeindruckenden Bergpanorama kann kaum jemand widerstehn.

Von Saas Feee über den Zuckmayer-Wanderweg zum Hannig Gipfel. Foto: Flora Jädicke

Man muss auch kein begnadeter Skifahrer sein, wie der Schriftsteller Carl Zuckmayer, der in Saas-Fee seinen Lebensabend verbrachte, um den Winter vor der imposanten Kulisse der Viertausender zu genießen. Alternativen gibt es genug. 26 Kilometer Loipen, vier Kinderskigebiete, vier Eisbahnen und drei Schlittenwege. Dazu 60 Kilometer Winterwanderwege, von denen schon der Dichter entzückt war.

Carl Zuckmayer in Saas-Fee

1938 sollte er Saas-Fee das erste Mal besuchen. Damals war der schon berühmt. Hatte Theaterstücke wie „Der fröhliche Weinberg“, „Schinderhannes“ und den „Hauptmann von Köpenick“ geschrieben. Aber wie viele Künstler musste er vor den Nazis fliehen. Sie zog es in die Schweiz, nach Zürich oder nach Chardonne an den Genfer See, von wo aus Zuckmayer das erstmal nach Saas-Fee aufbrach. Es werden noch zwanzig Jahre vergehen, bis der bekannte Schriftsteller seine Heimat endgültig zwischen den Walliser Bergen findet. Auf dem „Oberen Wildi“ steht sein Holzhaus, im Stil der Walliser Höfe.

Neue und alte Walserachitektur bei Saas Fee. Foto: Flora Jädicke

Zuckmayer erwirbt das „Haus Vogelweid“ 1958 von einem Baseler Chemiker. „Auf das Haus Vogelweid fallen die ersten Sonnenstrahlen des Tages“, heißt es im Ort. „Lange bevor sie das Dorf erreichen.“ Und um das „Haus Vogelweid“ pfeift der Wind besonders ausgelassen.“ So soll die „Obere Wildi“ zu ihrem Namen gekommen sein, erfahren ich.

Mit Blick auf die Pyramide des Almageller Horns schreibt er in der Dachkammer seine Autobiographie. Im Geschoss darunter soll seine Frau Alice Herdan-Zuckmayer akribisch darüber gewacht haben, dass er Ruhe hat. Im Dorf erzählt man sich noch heute so manche Anekdote. Dass sie ihn mit einem Glockenspiel zum Essen rief und vom üppigen Weinkeller des Literaten. Besonders aber war er bei den Saastalern für seine Bescheidene, streitbare und doch großherzige Art beliebt. 1961 verleihen sie ihm das Bürgerrecht. 1977 stirbt Zuckmayer als Schweizer in Saas-Fee. Heute gehört das Haus wieder einem Baseler.

Zuckmayer seinerseits fühlte sich unter den Wallisern wohl. Begegnete ihnen bei seinen täglichen Wanderungen mit den Hunden. Besonders angetan hatten es ihm die viele Jahrhunderte alten Lärchen. Bis heute trotzen diese „alten Gesellen“ Wind und Wolken, Regen und Hitze, Eis und Schnee bis an die Baumgrenze hinauf. Saas-Fee hat die höchste Baumgrenze der Schweiz. Noch so eine Eigenheit.

Saas Fee hat sein eigenes Tempo

Das geigenwillige Bergdorf hat sein eigenes Tempo. Noch bis in die 50er-Jahre war der Ort auf seinen 1800 Metern Seehöhe ohne Zufahrt. Dann kam die Straße und aus dem kleinen Dorf wurde ein schmucker Wintersportort, der sich seinen Charme bis heute erhalten hat. In den 90er-Jahren mauserte es sich zum Mekka der Freerider. Inzwischen ist es vor allem bei Familien beliebt und Naturfreunden. Ganz besonders aber bei jenen, die gerne die Schweiz dort besuchen, wo sie noch bezahlbar ist.

Mit der Bergbahn kommt man entspannt von Saas Fee auf den Hannig. Foto: Flora Jädicke

Bruno schlendert locker voran auf unserem Weg auf den Hannig. Puderleichter Schnee stäubt von den Ästen herab. Nach gut drei Kilometern und 250 Höhenmetern machen wir am Alpblick auf 2030 Metern eine kurze Kaffeepause. Das Winterkleid der Walliser Alpen glitzert im Zwielicht. Sonne, Wolken und Nebel werkeln alle paar Minuten am Schnürboden dieser Bergwelt und schieben ein neues imposantes Bühnenbild vor unser Auge.

Ein Teil unserer Wanderung führt über den Zuckmayer-Wanderweg. 1996 wurde er zu Ehren des Dichters angelegt. An fünf Serpentinensteinen kann man Zitate aus Zuckmayers Einbürgerungsrede nachlesen. Vom Haus Vogelweid und dem „Oberen Wildi“ aus führt er zur „Bärenfalle“, und weiter zum Melchboden, zum Café Alpenblick und schließlich hinunter nach Saas-Fee.

…oder zu Fuß. Foto: Flora Jädicke

Hinter dem Alpenblick bleiben Lärchen und Kiefern hinter uns. Von nun an breitet sich eine baumlose Winterlandschaft aus. Weiß, unschuldig und von einer geradezu heiligen Stille. Mit dem wilden Charme der Walliser Alpen feixt unvermutet ein Waldgeist von den noch spärlich verbliebenen Baumstümpfen. In Holz geschnitzt und wie zur Warnung, dass mit diesen Bergen nicht immer zu spaßen ist.

Saas-Fee ist großes Bergkino

In Mitten dieser stolzen Viertausender lässt es sich dennoch entspannt wandern. Ganz ohne schweres Gerät, wie es sonst Wintersportler mit sich herum tragen. Die Pfade hinauf zur sind gut präpariert. Dreieinhalb Kilometern noch bis zum Gipfelrestaurant und nochmals 250 Höhenmeter. Jetzt faucht der Wind. Wenn er einmal für wenige Minuten schweigt, dann wird die Kulisse von Allalinhorn (4027) und Strahlhorn (4190), Rimpfischhorn (4198) und Täschhorn (4491) zu ganz großem Bergkino.

Wolken geben den Viertausendern rings um Saas Fee ein ganz besondere Note. Foto: Flora Jädicke

Am Ende wartet Schweizer Küche. Wer ins Wallis fährt und kein Käsefondue probiert, hat etwas verpasst. Dazu ein Sauvignon Blanc aus den besten Lagen des Wallis, von den Visperterminen, dem höchsten Weinberg Europas. Die Walliser Weine alleine wären eine Reise wert. Zurück nach Saas-Fee fahre ich mit der Hannig-Bergbahn. Man kann auch mehr auf Abenteuer machen und mit einem Davoser Schlitten über Rodelpisten ins Tal abfahren. Wenn die Sicht besser ist, als an diesem Tag und die Sonne scheint über der „Freien Ferienrepublik“, wie sich das kleine walisische Dorf selbst gerne nennt. Ach, „wenn man nur bleiben könnte!“

„Saas Fee hat 300 Sonnentage und 65 dramatisch schöne“.  Foto: Flora Jädicke

Die Reise wurde unterstützt von Saas-Fee Tourismus und MySwitzerland. www.myswitzerland.ch und www.saas-fee.ch

Info: Zu Saas-Fee gehören die Orte: Saas-Fee, Saas-Grund, Saas-Almagell, Saas-Balen

Winterwanderpass gibt es ab zwei Tagen bis sechs Tage und inkludiert alle Bergbahnen im Saastal. Preise liegen zwischen 52,- CHF (Kinder, 2Tage) und 208,- CHF (Erwachsene, 6Tage). Mehr unter: www.saas-fee.ch/de/wandern/winterwanderpass

Im Sommer gibt es dann den Bürgerpass der „Freien Ferienrepublik“. Mit ihm fährt man u.a. uneingeschränkt mit dem PostAuto durch das Saastal. www.saas-fee.ch/de/buergerpass/

Zahlreiche Themenwanderung wie die 2,5 stündige Tour über den Zuckmayer-Wanderweg und mehrtägige Touren unter: www.saas-fee.ch

Wohnen: Hotel Kristall Saphir in Saas-Almagell, www.kristall.ch

Essen: Beste Steaks und eine originelle Atmosphäre bekommt man im „Waldhüs Bodmen“, www.waldhues-bodmen.ch

Ein kuscheliger Ableger des Restaurants das Restaurant „Zur Schäferstube“, www.zur-schaeferstube.ch

Und noch ein echter Geheim-Tipp!

Wellness für kleines Geld mit vor großer Kulisse findet man im Aqua Allalin. Hier kommt das spektakuläre Bergpanorama bis in die Sauna. Es steht allen Besuchern offen.

Ganz nebenbei wohnt man im dazugehörigen Hostel auch noch besonders günstig im Designstil und isst im Bistro4000 Tapas, trinkt Lassis oder exotische Tees. Das Hostel ist ein echter Hit und liegt mitten im Ort. www.youthhostel.ch/aqua-allalin

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