Rügen – Auf den Spuren der Romantiker

Caspar David Friedrich schuf auf Rügen sein wohl berühmtestes Gemälde und machte die Ostseeinsel zum Sehnsuchtsort.

Matthias Ogilvie würde am liebsten die Zeit zurückdrehen. Gemessen setzt der Hotelier und Lohmer Bürgermeister jeden Schritt. Ein distinguierter Herr, der gerne über das große Ganze nachdenkt und nachsichtig die Augen rollt, wenn ein ungeschickter Kellner durch den Speisesaal poltert. Irgendwann einmal hat er Philosophie studiert und sein Herz an die Romantik verloren. „Wissen Sie was“, sagt der Hotelchef, „die Romantik, das 19. Jahrhundert, das wäre genau meine Zeit gewesen.“

In seinem Glas wogt sanft ein Sauvignon blanc, während er auf der Terrasse Panorama Hotels Lohme über das Sein sinniert.

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Der Strand bei Lohme. Foto: Flora Jädicke

Hier im Nord-Osten von Rügen scheint die Zeit irgendwie noch hängen geblieben zu sein. in den Baumkronen des alten Buchenwalds scheint noch immer der Geist von Unschuld und Erhabenheit zu verfangen, der schon die Romantiker verzauberte. Und in den Ritzen des Hotels, das zu den ältesten der Insel gehört und den etwas spröden Charme vergangener DDR-Tage nicht ganz verleugnen kann, hockt immer noch etwas Trotz gegen alles Aufklärerische.

Rügen hat etwas „Magisches“

Von Wittow, weiter westlich strahlt weiß im Abendlicht das Kap Arkona herüber. Vor ihm kräuselt die See. „Dieser Ort hat etwas Magisches“, sagt Ogilvie. Als habe er eine Seele, einen Geist. Caspar David Friedrich muss ebenso gefühlt haben. Der große Landschaftsmaler begab sich auf Spurensuche. Vom Watzmann bis Rügen wollte er den „Geist der Natur erkennen und mit ganzem Herzen und Gemüt durchdringen und aufnehmen und wiedergeben“. So beseelt wanderte er die Küsten Rügens entlang.

Mit Skizzenblock und Zeichenstift

Zu Fuß und alleine zog er los, Skizzenblock und Zeichenstift stets griffbereit. Mal hoch in den Norden, an das Kap Arkona mit seinen steilen schroff auf die Küste fallenden Kreidekliffs. Mal nach unten, in den Südosten auf die Halbinsel Mönchgut. Oder nur die 15 Kilometer über das Jasmunder Hochufer, durch Buchwald, vom Hafenstädtchen Sassnitz über Königsstuhl und Stubbenkammer bis Lohme. Schon Elisabeth von Arnim notierte schwärmerisch: „Der Weg von Sassnitz nach Stubbenkammer allein ist eine Reise wert. Es gibt nur wenige Wege, die von Anfang bis Ende so vollkommen schön sind.“

Königsstuhl und Victoriaaussicht sind nur einen Spaziergang von Lohme entfernt. Kalkweiß wie Reißzähne ragen die Kreidefelsen vor der türkis-blauen Ostsee auf. 1818 verwandelte Caspar David Friedrich diese Kulisse in die „Kreidefelsen auf Rügen“, zur Ikone der Romantik. Sie machte die Insel in der Ostsee endgültig zum Sehnsuchtsort. Heute hängt das Bild im Museum Oskar Reinhart in Winterthur.

Spuren der Romantiker bis in die Moderne

Die Spuren der Romantiker führen auf Rügen bis in die Moderne hinein. Der Kunstsinnige findet sie in Putbus, der „Weißen Stadt am Meer“ wie sie auch genannt wird, in der Kultur-Stiftung Rügen, im Circus eins und dem Atelier Rotklee.

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Jasmunder Kreideklippen standen auch Modell für Caspar David Friedrichs berühmtes Bild „Kreidefelsen auf Rügen“. Hier an der Victoriaaussicht. Foto: Flora Jädicke

Bis heute eifern Touristen den Figuren auf C.D. Friedrichs weltberühmten Bild nach und blicken durch die Blätter der Baumgiganten hindurch die steil abfallende Kreideküste hinab. Die Aussichtspunkte Königsstuhl und Victoriaaussicht sind heute gut gesichert. Das ist notwendig, denn die Küste ändert ständig ihr Gesicht. Immer wieder stürzen Teile ins Meer. Von ihrer spektakulären Schönheit hat sie dadurch nichts eingebüßt.

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Kreidefelsen am Königsstuhl im Nationalpark Jasmund. Foto: Flora Jädicke

Lohmes Bürgermeister Ogilvie ist hier gerne unterwegs und führt seine Gäste am Ost-Ufer entlang. Wie Caspar David Friedrich schätzt er die Ruhe und Abgeschiedenheit des Waldes, der Teil des Nationalparks Jasmund ist. Mit seinen etwas mehr als 3000 Hektar Fläche ist er Deutschlands kleinster Nationalpark.

Rügen – wilde Natur und große Künstler

Am Fuß der Steilküste schlagen die Wellen der Ostsee krachend an das Ufer. Wild und ungestüm nagen sie seit Urzeiten an der Jasmunder Küste. Lohme hat den stärksten Wellenschlag der Ostsee“, sagt Ogilvie. Sie nehmen dort draußen im finnischen Meerbusen Anlauf, bevor sie von Schwedens Stränden eiszeitliche Findlinge aus Granit und Gneisstein an Land spülen. Unbeweglich, wie gestrandete Urtiere liegen Steinmonumente in der Gischt. Sie tragen Namen wie Blandower oder Schwanenstein. Bis ins Landesinnere findet man die Steinblöcke. Einst dienten sie den Menschen als Grenze für Grabanlagen wie bei Nobbin.

Das gewaltige Großsteingrab aus der Jungsteinzeit war für Caspar David Friedrich ein ebenso beliebtes Motiv wie für Urlaubsfotografen und Hobbyzeichner heute. Der gebürtige Greifswalder kam regelmäßig auf die Insel. Zum ersten Mal 1798. Sein Skizzenbuch hatte der auf den ausgedehnten Wanderungen stets dabei.

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Der Schwanenstein am Lohmer Ufer. Foto: Flora Jädicke

Von Lohme sieht man weit über die oft flache See bis an das Kap Arkona. Die dramatische Steilküste zeichnete Caspar David Friedrich von dem 23-Seelen Dörfchen Vitt aus.

Das wohl schönste Wahrzeichen des beschaulichen Fischerdorfs ist die kleine achteckige Uferkappelle. Vor ihr saß der Meister häufig und fertigte Skizzen. 1816 ließ der Pfarrer, Dichter und Maler Ludwig Gotthard Kosegarten das Kapellchen nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel erbauen. Ihre schlichte weiße Fassade leuchtet vor den blühenden Feldern am Kap. Den Eingang schmückt innen ein Wandgemälde des italienischen Künstlers Gabriele Mucchi aus den 90er-Jahren.

„Petrus auf dem Meer“

Über dem Altar hängt die Kopie von „Petrus auf dem Meer“. Das Bild stammt von Philipp Otto Runge, einem weiteren großen Romantiker auf Rügen. In den Sommermonaten finden in der Kapelle Konzerte statt. Wie eine Zigarre formt sich eine dichte Wolke über der See vor Lohme. Dramatisch schiebt sie sich vor die untergehende Sonne. Ogilvie nippt an seinem Weißwein und spricht vom wenig romantischen Dasein als Hotelier. „Aber Rügen ist bekannt für seine Naturphänomene“, sagt er unvermittelt. Und wo könnte er seine romantische Seele besser nähren, als hier vor ihrer schroffen Wildheit und mystischen Schönheit.

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1990 gestaltete der italienische Künstler Gabriele Mucchi mit seinem Wandfresko „Menschen im Sturm“ das Innere der Vitter Kapelle. Er gilt als Mitbegründer des „neuen Realismus“. Foto: Flora Jädicke

Wie viele seiner Zeitgenossen sah Caspar David Friedrich in der Natur die göttliche Ordnung. Ernst Moritz Arndt kam, der lange bei Kosegarten Hauslehrer war, Philipp Otto Runge und Heinrich von Kleist. Johannes Brahms und Clara Schumann, Friedrich Preller, Carl Belchen oder Carl Gustav Carus waren tief beeindruckt. Sie sahen in Rügens stimmungsvoller Landschaft jedoch nicht nur „eitel Harmonie und Sonnenschein“, wie romantisch veranlagte Zeitgenossen gerne glauben mögen, sondern auch „den Kampf mit widrigen Kräften“.

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Sanfte Hügellandschaft der „Zickerschen Alpen“ auf dem Mönchgut im Südosten der Insel. Foto: Flora Jädicke

An Rügens sanfter Seite, tief unten im Süd-Osten, auf der Halbinsel Mönchgut mit ihren sanften Hügeln und stillen Boddenlandschaft fand Caspar David Friedrich sein Arkadien – an den „Zickerschen Alpen“. Hier blühen im Frühling die Rapsfelder, grünen Salzwiesen bei Klein Zicker. Bedecken Baaber Heide, Buchen, Eichen und Fichten die Kliffs. Und im Herbst ziehen die Kraniche darüber hinweg.

Hier ließ er den Stift nicht ruhen. Von dieser verträumten Landschaft und dem Inselchen Vilm gibt es unzählige Werke. Zu DDR-Zeiten sollen Erich Honecker und andere sozialistische Granden auf Vilm Urlaub gemacht haben.

Landschaft und die Sicht auf sie haben sich seit Caspar David Friedrich verändert. Bis heute blieb die Suche nach dem Ort, an dem er das naturgetreue Abbild seiner Kreidefelsen fand, erfolglos. Aber die Sache mit der Romantik ist eben nicht so einfach, wie das hübsche Naturbild suggeriert. „Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch was er in sich sieht“, hielt der Künstler seinen Schmähern entgegen. So erhaben wirkte die Natur auf ihn, dass er sie nicht einfach kopieren wollte.

Rügens erhabene Natur

Andere legten den Zeichenstift gleich ganz zur Seite, wie Carl Gustav Carus.  1819 durchstreifte er Rügen auf Friedrichs Spuren. „Ich wollte Studien zeichnen, aber kaum hatte ich ein paar Striche gemacht, als ich die Mappe weit wegschleuderte in der Überzeugung, hier sei jeder Strich nur eine Lästerung dieses ganz überschwänglichen Phänomens, und dann nur in höchster Bewegung den wunderbaren Kampfe des Elements zustarrte.“ Rügen-Besucher mögen nicht ganz so theatralisch reagieren und das Eiland zu Fuß und auf den zahlreichen Radwegen ohne Hast und Eile erkunden. Bewegt von Rügens Schönheit sind sie alle.

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Nützliche Informationen:

Anreise: Nach Rügen gelangt man ohne Fährverbindung mit dem Auto über die A 9. Bequem fährt man mit dem Zug bis Bergen und Sassnitz. Von dort führen Busverbindungen zu den Insel-Städten und den Bädern. Auch den Nationalpark Jasmund und den Königsstuhl erreicht man mit dem Bus.

Romantisch Wohnen: Das Panorama Hotel in Lohme liegt nur einen Spaziergang entfernt von Königsstuhl und der Victoriaaussicht. Je nach Saison und Haus wohnt man im Einzelzimmer schon ab 49 Euro bis 129 Euro und im Doppelzimmer ab 59 Euro bis 169 Euro.

Nationalpark-Zentrum Königsstuhl: Das Nationalpark-Zentrum Königsstuhl informiert über das UNESCO Weltnaturerbe. Die Durchfahrt zum Besucherzentrum ist aus Naturschutz-Gründen nicht möglich und nur Reisebussen und dem ÖPNV bis zum Parkplatz Stubbenkammer vorbehalten. Für Individualparker gibt es zwei Parkplätze am Rande des Nationalparks: den Parkplatz am Tierpark und den Parkplatz Hagen. Der Eintritt für eine Familie kostet 17 Euro, Erwachsene zahlen 8,50 Euro, Kinder von sechs bis 14 Jahren vier Euro, Kinder unter sechs Jahren besuchen das Königsstuhl-Zentrum kostenfrei.

Tourenvorschläge auf den Spuren der Romantiker: Hochuferweg Jasmund von Sassnitz nach Lohme etwa 12,5 Kilometer; Zicker Berge auf der Halbinsel Mönchgut vom Hafen Großer bis Klein Zicker etwa 16,3 Kilometer; Themenweg romantisches Rügen 33,8 Kilometer auf den Spuren der Romantiker von der ehemaligen Fürstenstadt Puttbus über Rügens Süden, entlang der Boddenufer wieder nach Puttbus. Geführte Touren des Nationalparkzentrums über den Hochuferweg, der auch Caspar David Friedrich faszinierte. 11. und 25. August und 8. September. Start Stele Eingang Nationalparkzentrum. Oder mit dem Lohmer Bürgermeister und Hotelier Matthias Ogilvie durch den Nationalpark Jasmund/Weltnaturerbe Buchenwälder.

Galerie Empfehlung: Circus Eins, die Galerie von Susanne Burmester im Kronprinzenpalais Puttbus: www.susanneburmester.de

Informationen: Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern, Platz der Freundschaft 1, Rostock (Tel.: 0381/403 05 50, E-Mail: info@auf-nach-mv.de; Tourismuszentrale Rügen (Tel.: 03838/80 77 80, EMail:info@ruegen.de)

Im Internet: Rügen www.ruegen.de,  Mecklenburg-Vorpommern: www.auf-nach-mv.de

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