Wolle – das Gold der Serra da Estrela

In den Ohren der Arbeiter klingt es fast wie Musik. Nur wenige tragen einen Lärmschutz. Lange war es still in der Woll-Manufaktur von Manteigas. Heute dröhnen die Maschinen wieder.  In den sonst so stillen Bergen der portugiesischen Serra da Estrela wird wieder Burel-Stoff produziert. Junge Designer haben den einstigen Wollstoff der Hirtenmäntel zum hippen Design-Produkt gemacht.

Es ist laut. Extrem laut in der kleinen Wollfabrik. Überall wird Wolle gewaschen, gerissen, gekämmt und gesponnen. Die Webstühle rattern. Sie sind mehr als 100 Jahre alt. Nur wenige moderne sind Computer getrieben. Hier ist noch alles Handarbeit. Cintia Barbosas Worte dringen kaum durch. „Dieser Maschinenlärm ist wie der Herzschlag der Region“, sagt sie. Und er pumpt neues Leben in die abgelegenen Dörfer der höchsten Bergregion auf dem portugiesischen Festland. „Die Burel Manufaktur ist auch ein soziales Projekt“, sagt sie. Sie gibt den Menschen eine Perspektive, die lange verloren war.“ Die Französin mit portugiesischen Wurzeln arbeitet seit einem Jahr in der Burel Penhas Douradas Fabrik.

Die Wolle kehrt zurück in die Serra da Estrela

In den 60er-Jahren lebten Hunderte Einheimische des 4000 Seelen Ortes von der Wollindustrie, die weit über die Landesgrenzen bekannt war. Die Wolle kam mit den Schafen und Ziegen in die Serra das Estrela, die in großen Transhumanzen (Wanderweidewirtschaft) durch die Täler zogen. In Spanien und Portugals Ebenen sind die Weiden im Sommer trocken und karg. Deshalb zogen die Schäfer von dort hinauf in die Serra da Estrela. Hier gab es immer genug frisches Wasser und auch die Woll-Fabriken fanden an den Bächen und Flüssen ideale Bedingungen.

Als die heimischen Schäfer den Woll-Bedarf der Firmen im Zuge der Agrarreform in den  80er-Jahren nicht mehr decken konnten, wurde immer mehr Wolle aus dem Ausland zugekauft. Billigprodukte aus Asien und moderne synthetische Materialien machten der portugiesischen Wollindustrie zusätzlich zu schaffen. Bis ins 20. Jahrhundert hatte beinahe jedes Dorf Woll-Fabriken. Als die Maschinen still standen, gingen auch die Menschen und ihre Dörfer verödeten. Jetzt kehren sie zurück. Und mit ihnen die Wolle, das Gold der Serra da Estrela. „Die Burel Fabrik ist eine neue Chance“, sagt Cintia. Sie wird diese Region wiederbeleben.

Möglich gemacht haben das zwei Lissabonner Visionäre. Isabel Costa und Joao Tomás machten aus dem ehemaligen Sanatorium für Tuberkulosekranke oberhalb des Dörfchen Manteigas ein kuscheliges Design-Hotel. Die beiden Hotelbesitzern wollten aber mehr. Ihnen lag die Region mit ihrer Handwerkskunst am Herzen. Das Bordaleira-Schaf liefert seit je her die Wolle für den festen Burel-Stoff.

Der feste Umhang schützte die Schäfer vor Schnee, Regen, Wind und Kälte. Damit der Stoff robust und wasserdicht wird die Wolle gewaschen, gekämmt,  gesponnen und gewoben. Der letzte Arbeitsschritt, in dem sie unter Hitze gebrüht, gestampft, und geschlagen wird, macht sie  zum dichten Burel. Isabel und Tomás haben Handwerk der Burelherstellung wiederbelebt. Seither erlebt das widerstandsfähige Gewebe der Hirtenmäntel eine Renaissance und die Arbeitslosigkeit in der Region rund um Manteigas sank um vier Prozent.

Alte Methode, Neue Farbe, neues Design

Leicht war es nicht. Isabel Costa produziert zunächst mit einer handvoll Arbeitern ihre eigene Kollektion für das Hotel. Dafür holt sie junge Designer aus Porto und Lissabon ins Team. Sie brachten Farbe in den einst naturbelassenen Wollstoff und Struktur. Isabel ließ ihnen völlig freie Hand. In einer Art „Designer Think Tank“ sollten sie tun und lassen können, was sie wollten. Und sie taten es. Nach ihren Entwürfen entstehen heute aus dem robusten Material der Hirtenumhänge, Teppiche, Kissen, Taschen und Rucksäcke, Bezüge für Stühle und Wände in mehr als 45 Farbnuancen. Längst werden auch andere, weiche Wollstoffe hergestellt, wie Flanell, Tweed oder Tartan.

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Burel-Stoff ist wasserdicht und anders als Filz reißt er nicht. Er dämmt hervorragend und isoliert gegen Kälte. Als Innenarchitekten die Büro-Wände eines weltweit agierenden IT-Unternehmens mit Burel-Teppichen auskleiden wollen, kommt das Geschäft richtig ins Rollen. Isabel Costa und Joao Tomás kauften die kleine Firma, machten die ehemaligen Arbeiter ausfindig und setzten die historischen Webstühle wieder in Gang. „Niemand sonst hatte das Wissen, wie man diese Maschinen bedient oder Musterkarten schreibt“, erzählt Cintia. 6000 Musterkarten lagen in den Schubladen. Um eines von Ihnen auf einen Webstuhl zu ziehen, arbeiten vier Männer einen Tag lang. Jeder Faden wird einzeln aufgezogen und jeder der 2400 Knoten von Hand gesetzt.

Jose Mete Zé ist der wichtigste Mann in der Fabrik. Mit 14 Jahren kam der heute 65-Jährige an den Webstuhl. Kein anderer in der Region kennt die Technik der historischen Maschinen so gut wie er. „Wenn er geht, dann ist die Manufaktur am Ende“, sagt Cintia. Aber der Chef-Techniker der Burel Penhas Douradas Fabrik ist fit. „Wir lassen ihn einfach erst gehen, wenn es einen Nachfolger gibt,“, sagt sie und lacht.

Zwei Jahre dauerte es, bis bei den Neuen jeder Handgriff saß. Junge Arbeiter zu finden, ist nicht einfach. Die meisten hatten die Berge verlassen und ein neues Leben  in Lissabon, Porto oder den Küstenstädten gefunden. Jetzt kehren sie zurück und schaffen auch in anderen Städten der Serra da Estrela einen Neuanfang für das alte Woll-Handwerk. In Covilhã am südlichen Rand der Serra da Estrela haben Künstler aus ganz Portugal die Wolle in den Mittelpunkt ihrer Arbeit gestellt und das New Land Lab gegründet. Auch dort haben Designer den Burel-Stoff für ihre Kollektionen entdeckt. Aber hier in Manteigas in der Burel Factory wird er hergestellt“, sagt Cintia. Die Produkte werden direkt vor Ort verkauft, in Porto und in Lissabon im schicken Viertel Chiado.

Nicht ohne Stolz führt Cintia Barbosa Gäste der Casa das Penhas Douradas und andere Interessierte einmal am Tag durch die Burel Factory. Die Führungen werden in Englisch, Französisch und Portugiesisch angeboten.

Die Reise wurde unterstützt vom Tourismusverband Centro de Portugal.

www.centerofportugal.com

www.visitcentro.com

www.burelfactory.com

Hier kann man Burel-Produkte in Deutschland kaufen:

Ursinho, Obere Schlossstr. 132, 73553 Alfdorf URSINH O

BRANCO E AZUL, Dosmtr 4, 60311 Frankfurt

Lautenschlagerstr. 16, 70173 Stuttgart, MAGAZIN

Liniestrasse 121, 10115 Berlin, PAZ D’ALMA – Design aus Portugal

Textorstrabe, 81, 60594 Frankfurt, K´TIE´S

In Portugal:

Burel Shop – Lisboa
Rua Serpa Pinto, 15 B
Chiado – Lisbon
Tel. (+351) 21 245 69 10

Burel Shop – Porto
Rua de Mouzinho da Silveira, 83
4050-420 Porto
Tel. (+351) 915 174 710
lojadaburel.porto@burelfactory.com

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