New Hand Lab – Aufbruch in eine neue Zeit

Es könnte in Lissabon sein, in Porto oder in Coimbra. Aber der Wandel geschieht in der Provinz. Zwischen den rauen und atemberaubenden Bergen der Serra da Estrela im portugiesischen Hochland. Überall sind es private Initiativen wie in Covilhã, einer kleinen Stadt am Rande des Naturparks Serra da Estrela, die der gebeutelten Wirtschaft des Landes auf die Sprünge helfen, die Kreativen auf den Plan rufen und ganzen Bergdörfern neues Leben einhauchen.

Von Flora Jädicke

Ganz sachte zieht ein Gänsehautgefühl herauf. Es ist der angenehme Schauer, der einen durchströmt, wenn etwas Neues entsteht, etwas Schönes, gegen alle Widrigkeiten. In den 90er-Jahren starben in der Serra da Estela, in der Beira und in Covilhã die Wollfabriken und mit ihnen eine alte Handwerkstradition. Jetzt erlebt sie eine Renaissance. In den Ateliers des New Hand Lab der ehemaligen Wollfabrik Fabrica Antonio Estrela Julio Alfonso, wagen Künstler den Aufbruch in eine neue Zeit. Man merkt schnell: das wird ein Neuanfang mit Substanz.

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Die Gründer des New Hand Lab: Francisco Alfonso und die Künstlerin Ana Almeida, die genau genommen Ana Paula Costa heißt und an der Universität Chemie lehrt.  Foto: Flora Jädicke

Covilhã galt einst als das „Manchaster Portugals“. Hier blühte die Textilindustrie. Noch bis in die 90er-Jahre waren Stoffe Portugals wichtigste Exportprodukt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts produzierten 220 Fabriken in der Region feinste Gewebe für den Weltmarkt. Heut sind es noch drei. Ganze Familien lebten über Generationen von der Wolle und machten die Stadt international bekannt. Francisco Alfonso ist Spross einer bekannten Textildynastie. 1902 bekommt sein Vater, der Textildesigner Julio Alfonso, in Saarlouis den Preis für das „Beste Wollprodukt der Welt“.

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Francisco Alfonso zeigt Besuchern die gewebten Stoffe aus der New Hand Lab Produktion in Covilhã. Foto: Flora Jädicke

Jetzt hält mir sein Sohn, ein unaufgeregter, freundlicher Herr, eine geballte Faust entgegen. Kräftig knautscht und knetet er einen feinen dünnen Wolltweed. Plötzlich öffnet sich die Hand. „Sehen Sie? Nicht eine einzige Falte“, sagt er in gebrochenem Englisch. „Nicht eine.“ Das war es. Das knitterfreie Gewebe war erfunden.

„Die goldene Nadel“ von Covilhã

Mit dieser Innovation hatte sein Vater Anfang des 20. Jahrhunderts Furore gemacht und seine Entwürfe fortan mit den großen Designern seiner Zeit entwickelt. Auch das bringt die Region nicht nur in die erste Reihe der Textilbranche, sondern auch wirtschaftlich auf ungeahntes Niveau. „Hier gab es eine enorme Kaufkraft“, sagt Francisco. „Das ganze Wollgeschäft und die Fabriken gehörte jüdischen Familien. Der Region ging es gut.“ Sein Vater ist gerade 30, als er seine erste Firma kauft. Jahrzehnte später, 1976 zeichnen finnische Journalisten, ihn mit der „Goldenen Nadel“ aus dem „the brillant pen“. Bis in die 60er-Jahre hinein gehörte die Fabrik Antonio Estrela. 200 Menschen arbeiteten in den Hallen, in denen heute Künstler ihre Ateliers haben, Ausstellungen präsentieren und kulturelle Events ermöglichen.

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Das Fabrikgebäude in Covilhã. Foto Flora Jädicke

Portugal ist bekannt für seine Handwerkskunst. Für seine feinen Textilien, sein gutes Leder, die kunstvoll bemalten blau-weißen Azulejos. Und doch leidet das Land unter den Daumenschrauben der EU-Auflagen. Die Reallöhne sind so niedrig wie sonst kaum irgendwo in Westeuropa. Die Wirtschaft dümpelt dahin und das obwohl Portugal der Musterschüler ist, unter den Ländern, unter dem „Rettungsschirm“.

 New Hand Lab – Kreativ-Labor

Abschrecken lassen die Kreativen sich davon nicht. Die Webstühle stehen zwar längst still.  Nur ein paar Hundert Arbeiter fertigen noch erlesen Garne, in den alten Hallen. Francisco lässt aus ihnen exklusive Plaids aus Kaschmir und Mohair weben. In den Ateliers der Künstler, Musiker, Designer, Architekten, Fotografen und Multimediakünstler entsteht statt dessen langsam neues kreatives Leben rund um die Wolle aus der Serra da Estrela. „Hier inspiriert jeder jeden“, sagt Franciscos Frau, die Künstlerin Ana Almeida, die eigentlich Ana Paula Costa heißt und an der Universität Chemie lehrt. Sie arbeitet lieber im „Kreativ Labor“ als im Chemie-Labor. Und das ganz ohne Subventionen oder EU-Gelder. „Wir wollen langsam wachsen, beständig und nachhaltig“, sagt Francisco. Diese Formel beschwört der stille, vornehme Mann geradezu, während er durch die Ateliers führt, vorbei an der Ausgrabungsstätte mitten in der großen Halle. Die Geschichte der Fabrik geht zurück bis ins 17. Jahrhundert. Hier liegen die Wurzeln, der Wollindustrie von Covilhã, seine Wurzeln.

Francisco Alfonsos Leben ist eng mit der Wolle verwoben. Als zehn-jähriger spielte er zwischen den dicken Rollen der Textilballen und den ratternden Webstühlen. „Covilhã und die Wolle gehören untrennbar zusammen“, sagt er. „Wir wollen der Stadt diese Identität zurückgeben. „Über 80 Jahre haben Portugiesen nur für andere gearbeitet“, sagt Francisco. Heute findet man portugiesische Designer auf den Laufstegen. Auch bei großen Marken wie Alexander MacQueen oder Stella McCartney.

Miguel Gigante – von Lissabon nach Covilhã

Auch der Designer Miguel Gigante hat sein Atelier im New Hand Lab. Mit seinem Burel-Design hat er sich in ganz Europa einen Namen gemacht. Seine Mode und Interieurprodukte bietet er in kleinen ausgesuchten Konzeptstores an. „Sie braucht Ruhe und muss geliebt werden“, sagt er. Vielleicht liegt es an den vielen Grautönen. Seine Farbe ist die Struktur.

Gigante ist in Covilhã geboren. Und wen würde es wundern. Auch seine Familie war eine Familie von Wollarbeitern. „Für mich war es überhaupt keine Frage zurückzukommen. Hier in der Serra da Estrela ist das Herz der portugiesischen Wollindustrie. Hier sind die international bekannten Hochschulen für Mode, Design und Textiltechnik. Viele Erasmusstudenten kommen nach Covilhã.

Ana Almeidas “Histórias Criativas”

Die Künstlerin und Besitzerin des New Hand Lab, Ana Almeida ist bekannt für ihre Wollpuppen. Gemeinsam mit der Organisation Historische Dörfer Portugals hat sie ein Bildungsprojekt mit Kindern erarbeitet. “Histórias Criativas”. Jedes Kind sollte die 12 historischen Dörfer Portugals als Person zeichnen. Ana entwickelte die Idee weiter und entwarf nach ihrem Vorbild liebenswerte Wollpuppen, die je ein Dorf repräsentieren und die man mit nach Hause nehmen kann. Jede einzelne ist durch Anas Hände gegangen und eine Unikat. Sechs Mädchen und sechs Buben. Daraus entstand ein ganzes Universum an Wollpersönlichkeiten, die das Atelier von Ana Almeida in Covilhã bevölkern.

MEG – New Hand Lab Künstlerin der ersten Stunde

Maria Eugénia Gome, kurz MEG ist eine Künstlerin der ersten Stunde im New Hand Lab. Sie liebt das Wortspiel und verbindet es witzig mit ihren skurrilen Figuren. Für die Katholische Universität, eine der wichtigsten Universitäten des Landes hat sie Postkarten entworfen. Bekannt wurde sie mit ihrer Weihnachtskrippe aus 366 winzigen Puppen aus recyceltem Papier. Für mehr als jeden Tag eine. „Es ist nicht nur an einem Tag Weihnachten“, sagt sie.

Cellisten, Architekten und Multimedia in Covilhã

Die Wolle in Covilhã hat einen Sound. Das Dröhnen der Webstühle und Surren der Spindeln sind eine Inspirationsquelle für die Musiker im New Hand Lab. „Coffee und Cigarrets“, erst einmal ein Arbeitstitel“, stellt Francisco die Gruppe vor. Die Musiker kommen aus dem klassischen Segment. Der wohl bekannteste unter ihnen, ist der Cellist André Pontífice vom Jazz Metropoliten Orchestra of Lisboa.

Die Künstlergruppe im New Land Lab wächst. Langsam. „Wir sprechen die Künstler an“, sagt Francisco Alfonso. Bewerben kann man sich nicht. Das New Hand Lab ist ein sorgsam durchdachtes Konzept. Sein offener Geist hat den Charakter eines Labors. Hier treffen sich Literaten und Forscher. Es ist das einzige Projekt, das die Industrie-Geschichte Covilhãs lebendig macht.

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Kreatives Trio Miguel Gigante Francisco Alfonso und der Fotograf Joao Pedro Silva (vorne) mit dem a2z-Wanderführer Manuel Franco (hinten links) in der Halle des New Hand Lab. Foto: Flora Jädicke

Die Reise wurde unterstützt vom Tourismusverband Centro de Portugal

New Hand Lab: www.visitcentrodeportugal.com

oder www.facebook.com/new.hand.lab.covilha/

Historische Dörfer von Portugal: www.aldeiashistoricasdeportugal.com

Miguel Gigante: www.visitcentrodeportugal.com

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