Catania – Die Wiedersprüchliche

Zwischen dem ehrwürdigen Theatro masssimo Bellini und der Via di Prima liegt ein Viertel, das niemandem gehört. „Keine  Gegend für Touristen,“ werde ich gewarnt. „Zu gefährlich“, glaubt Ally, die Amerikanerin mit Eigentumswohnung in Manhattan.  Ich  gehe trotzdem durch.

Die Wahrheit ist: Hier sind die Häuser, schöne Häuser, teilweise bis auf die Grundmauern verfallen. Meist ist nur das Erdgeschoss  zugänglich und auf irgendeine Art bewohnbar. Niemand kümmert sich um diesen Stadtteil, weil er niemandem gehört.

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Fast unbewohnte Häuser. Foto: Flora Jädicke

Fast niemanden. Denn inzwischen haben Flüchtlinge, die über das Mittelmeer auch nach Catania kommen, das Viertel erobert. Menschen aus dem Senegal, aus dem Sudan und Eritrea.

In Catania ein neues Leben beginnen

Wer, die oft grausame Überfahrt von Afrika nach Europa überlebt hat, der sucht ein sicheres Schlupfloch, wo er bleiben, wo er leben kann. In Deutschland landen viele von ihnen in überfüllten Asylbewerberheimen. Hier kommen alle zusammen, irgendwie  organisiert. Vielleicht aber auch nicht. Vor wenigen Tagen haben Carabinieri 1500 Boatpeople aus Afrika vor Lampedusa gerettet. Irgendwann kommen einige von ihnen auch in Catania an. In Häusern wie diesen, zwischen der Piazza Bellini und Via di Prima beginnen sie ein neues Leben.  _mg_3046-u13013Zusammen mit catanesichen Prostituierten, Kleinkriminellen und illegalen Einwanderern. Jeder zweite verkauft hier Taschen, Uhren Kleider, Koffer. Wer damit wohin verreist, bleibt ein Geheimnis.

Viele Catanesen halten das für Scheingeschäfte. Aber man lässt jeden gewähren. „Da wird sicher Geld gewaschen“, sagt Rosario. „So ist das hier.“ Das geht auch im großen Stil. Regelmäßig entstehen neue Einkaufszentren, die keiner braucht, verrät eine junge Catanesin. Und auch der Verfall geht größer und pompöser als in den verwinkelten Gassen, jenseits des Bahnhofs oder am Hafen. Hier an den Rändern der „Marina Catania“ ist Siziliens wirtschaftliches Zugpferd so sizilianisch wie nirgends sonst in der Stadt, in der alles einem großen, organischem Chaos folgt._mg_2929-u13004Ganze Flächen liegen brach. Wie offene  Wunden klaffen sie aus dem Stadtbild hervor. „Diese Brachen gehören niemandem“, sagt Jitka. Die tschechische Atomphysikerin kam vor fünf Jahren nach Catania, verliebte sich und blieb. „Das ist Sizilien“, sagt sie und lacht kräftig und herzlich. „Das ist Sizilien.“

Catania ist eine widersprüchliche Schöne

Einst aus Asche auferstanden im glänzenden Barockkleid, kauert sie heute in Sichtweite des Ätna und tut sich schwer mit der Vergangenheit und mit der Zukunft und irgendwie auch mit der Gegenwart. Catania ist jung. Voller Energie, Lebenskraft und Lust auf Lifestyle. _mg_8172-u13058Aber die alten Strukturen machen noch immer jeden Neubeginn schwer – für die Jungen wie für die Alten. „In den letzten 20 Jahren hat sich nichts getan – jedenfalls nicht zum Vorteil jener Italiener, die nicht zufällig mit Politikern verwandt sind: Italiens Wirtschaft stagniert, die mittleren und kleinen Unternehmen leiden unter einer Steuerlast von über 65 Prozent, junge Akademiker flüchten ins Ausland, 40 Prozent der Jugendlichen sind arbeitslos, die Staatsverschuldung beträgt 120 Prozent des Bruttosozialprodukts, und die Mafia macht mehr Umsatz als Fiat (bevor Fiat ebenfalls ins Ausland flüchtete)“, blogt die, in Italien lebende Journalistin Petra Reski im Frühjahr 2013.

„Die Tedesci, die Deutschen,“ sagt Simon, „die kommen immer nur, weil sie die großartigen Taten und Bauten der Römer feiern wollen. Aber wenn sie dann hier sind, staunen sie, weil sie nichts anderes finden, als jede Menge Italiener.“

Simon ist Mitte zwanzig und Pizzabäcker. Und vielleicht hat er Recht. Von den Bauten der Römer ist nach dem Ausbruch des Ätna 1669, bis auf das römische Amphitheater Odeon wenig geblieben. Vielleicht hätte Catania aber auch viel mehr zu bieten als alte Häuser.

Der junge Sizilianer sitzt im Flugzeug von Catania nach Stuttgart neben mir und flirtet so heftig, als wäre sein Lächeln der Treibstoff, der uns nach Deutschland bringt. Wie einst ihre Väter gehen viele junge Catanesen ins Ausland. Geld verdienen. Richtig Geld verdienen. Simon will heute noch nach Heidenheim. Drei Monate war er zuhause. Wie ich Catania finde, will er wissen. Ob es mir gefällt? „Spannend sage ich. Catania ist wirklich spannend.“ In seinem Gesicht geht die Sonne auf. „Die deutschen Frauen sind auch süß“, sagt er und fängt an deutsche Vokabeln zu pauken.

Catania – Eine echte Hass-Liebe

„Spannend“ habe ich gesagt und erinnere mich an die Worte einer jungen Fotografin Worte.

„Für mich ist es eine echte Hass-Liebe“, sagt Deborah Lo Castro.

Sie kann sie fast nicht mehr zählen. Hunderte Bilder, mit denen sie Catania in die Seele geblickt hat. Eine widersprüchliche und zerrissene Seele.

_mg_8147-u12968Trotzdem: In ihr schlägt das warme Herz Siziliens. Gegen die Besatzer vergangener Jahrhunderte und manchmal auch mit ihnen. Von den ersten griechischen Siedlern aus Naxos im achten Jahrhundert über die Araber und Normannen bis zu den Römern und Staufern. Es schlägt gegen die Armut, gegen Dekadenz und manchmal für, mit und gegen die Mafia. Glaubt man den jungen Sizilianern, dann soll sie mehr und mehr ihren Rückhalt in der Bevölkerung verlieren. Kleine Initiativen wie „Adio Pizzo (Tschüss Schutzgeld) tragen dazu bei. Inzwischen gibt es zahlreich Geschäfte und Unternehmen, die durch das Adio Pizzo-Zeichen im Geschäft signalisieren. „Wir kaufen bei jemandem der kein Schutzgeld zahlt. Darauf sind wir stolz“,  sagt Lo Castro. Viele junge Menschen unterstützen die Initiative, auch aus dem Ausland.

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Catanias Straßen und Kirchen. Foto: Flora Jädicke

Mit der klassischen 35 Millimeter Reportage-Optik zeigt die Fotografin ihre Stadt. Zeigt wie sie ist. Es ist die Auseinandersetzung zwischen Frustration und „das Leben beim Schopf packen wollen“. Immer wenn Touristen  kommen und Fragen stellen, „dann spüre ich, wie schön die Stadt ist“, sagt sie. „Welche Schätze wir hier eigentlich haben.“_mg_7029-edit-u13040

Und dann beginnt sie hemmungslos zu schwärmen, vom guten Wetter, vom ausgezeichneten Essen. Alles frisch und lokal. Zitronen, Cedrat-Früchte, Feigen, Mandeln und Orangen, die einem gelegentlich direkt vor die Füße fallen. Käse in allen erdenklichen Varianten.  Obst und Gemüse zu Preisen, von denen wir in Deutschland schon lange nicht einmal mehr zu träumen wagen. Und Fisch – jeden Tag.

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Der Fischmarkt in Catania. Foto: Flora Jädicke

Catania morgens vor Sonnenaufgang

Morgens, noch vor Sonnenaufgang, bringen die Fischer ihre fangfrische Ware auf den legendären Fischmarkt „La Pescheria“ ganz in der Nähe der Piazza del Duomo. Und in den engen Gassen ringsum die Pescheria verkaufen Händler Obst, Gemüse, halbe Ziegen, Fleisch und Hühnchen, Käse und Brot. Saftiges, pralles Leben erfüllt die Stadt zwischen dem tief schwarz glänzendem Lavastein aus dem sie erbaut ist. Saftiges, pralles Leben, das immer wieder durch die Strukturen zu ersticken droht.

Die Via di Prima führt direkt auf Catanias  Prachtmeile, die Via Etnea. Hier treffen die Welten ganz aufeinander. Widersprüchlicher könnten sie kaum sein.

Alle  schwarz-weiß Bilder im Text stammen von der sizilianischen Fotografin Deborah Lo Castro. Mit freundlicher Genehmigung. www.deborahlocastro.com

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