Detroit – Totgeglaubte leben länger!

Am Ende scheint diese Wahrheit sich noch immer zu behaupten. Auch für Amerikas düsterste Stadt. Detroit ist zurück. Es arbeitet, feiert, lacht und lebt. 

Detroits Geschichte erzählt man am besten in der Vergangenheit. Von Zeiten, der blühenden „Motor City“. Reich und strahlend. Die Hauptstadt der „Big Three“, Ford, General Motors (GM) und Chrysler. Bühne glitzernder Karossen und prächtiger Art Déco Architektur. Stolze Kulturmetropole mit 1,8 Millionen Einwohnern. 1701 hatte der Franzose Antoine de la Mothe Cadillac sie als Ville d’ Etroit (Stadt an der Meerenge) gegründet.

Sie war ein Erfolgsmodel. 62 Jahre später, unter den Briten heißt sie schließlich Detroit und ist mit 800 Einwohnern die größte Stadt westlich der Appalachen.

Glitzernde Karossen und heiße Rhythmen

Seit dem  frühen 20. Jahrhundert lockte die boomende Autoindustrie nicht nur Arbeiter aus den Südstaaten und das große Geld an, sondern auch  Künstler aus dem ganzen Land an. Berry Cordy’s Musik Label Motown macht Detroit in der ganzen Welt bekannt.

Ford Museum, einer der sagenhaften Oldtimer. Foto: Flora Jädicke

Das Studio A gehört heute  zum Motown Museum. In den 60er-Jahren wird es zur Geburtsstätte von Musiker-Legenden wie Smokey Robinson, Steve Wonder, Diana Ross, Marvin Gaye, The Temptations oder Michael Jackson und Berry Gordy, einer der ersten schwarzen Millionäre. Später ist sie der Olymp von House und Techno und die Heimat von Rapper Eminen. Aber da war Detroit schon am Boden.

Man kennt die Bilder. Tausende verlassene Häuser. Geblieben waren kaum 700 000 Menschen und das ausgezehrte Gerippe von Downtown Detroit. 1988 fährt der letzte Zug aus Grand Central Station. Aber der Verfall hatte schon viel früher begonnen. In den 50ern, als Ford seine werke von Downtown an den Stadtrand verlegte. Und als im Jahr 1967, tausende Kilometer weiter im Westen Amerika im „Summer of Love“, mit Blumen im Haar um das goldene Kalb der freien Liebe tanzt, versinkt Detroit fünf Tage lang in Rassenunruhen.

Detoit-Motor-City starb langsam

„Motor City“ starb lange und langsam. Wer blieb, zog an den Stadtrand, wenn er weiß war und zur Mittelschicht gehörte. Downtown aber, das waren Ruinen. Wer hier wohnte, war entweder alt, arm oder schwarz. 

Seitenstraße in Detroit abseits des neuen Baubooms. Foto: Flora Jädicke
Ford Model T. Foto: Flora Jädicke
Ford Motel T. Foto: Flora Jädicke

Und das in der Stadt, in der Henry Ford 1909 die Welt auf Räder stellte und mit der Erfindung des Fließbandes die Industrielle Revolution erst richtig in Fahrt brachte. Hundert Jahre später war der amerikanische Traum hier endgültig gegen die Wand gefahren. 2013 ist die Stadt insolvent. Den Rest Amerikas rührte das wenig. noch vor wenigen Jahren hätte man Michigans größte Stadt ohne jede Scheu zugrunde, gehen lassen. Wären da nicht die vielen kleinen Bürgerinitiativen gewesen. Detroit wäre längst Geschichte.

Ich stehe  am Fenster meiner Hotelsuite im dritten Stock und blicke auf die Straße. Es sind die wenigen Stunden am Morgen, in denen der Berufsverkehr noch nicht die Straßen verstopft. Unten sucht eine alte Frau mühsam ihren Weg über die Kreuzung. Der Tag hängt irgendwo zwischen grauer Dämmerung und Sonnenaufgang. Einen Muffin und Kaffee später, treffe ich sie vor dem noblen Pastry Astoria Shop in der Monroe Street.

Eine beliebte Vergnügungsmeile, quer durch den historischen Stadtteil Greektown. „The Pastry Astoria  is a temptation“, sagt sie. „If you love macaroons, German chocolate tortes or baklava.“ Wir gehen ein paar Schritte gemeinsam. Müde sei sie, flüstert sie mir ins Ohr. „Und Detroit?“, frage ich. „Was ist mit Detroit?“ „Das ist auch müde“, sagt sie.

Detroits Geschichte am liebsten in der Zukunft

Aber es wäre eben nur die halbe Wahrheit, würde man Detroits Geschichte nur in der Vergangenheit erzählen. Ich treffe Kalynne Defever am Hart Plaza. Die Marketingspezialistin ist Mitte 20, erfolgreich und hat ein entschiedenes Lächeln.

Sie erzählt Detroits Geschichte am liebsten in der Zukunft. Von neuen Hotels und Restaurants, die jeden Tag eröffnen. Von coolen Shops und der entspannten Atmosphäre, die nach Downtown und Midtown zurückkehrt. Von renovierten Architektur Ikonen aus dem Art Déco wie dem Fischer Building. Von Henry Ford und Motown Museum und von den unzähligen Festivals.

Es ist das Wochenende vor Labour Day. Halb Detroit ist auf dem Weg „up north“ zu den Sleeping Bear Dunes bei Traverse City oder in die verträumten kleinen Städtchen am Michigan See. Die andere Hälfte rüstet sich für das alljährliche Jazz-Festival zwischen Hart Plaza und Campus Martius. „Mit dem Auto kommt man zur Zeit nirgendwo richtig voran“, gesteht sie. Auch wegen der vielen Baustellen. Die Stadt erlebt einen gewaltigen Bauboom. Viele kleine Start ups haben sich in Downtown niedergelassen und auch die ganz großen Investoren sind zurück.

„Detroit is America’s great Comeback City“ sagt sie. Und dennoch bleibt Kalynne bescheiden. Es ist nicht der erste Versuch Detroit wiederzubeleben.  Detroit erfinde sich gerade völlig neu. Und tatsächlich lässt einen der neue RiverWalk die düstere Vergangenheit leicht vergessen. Detroit ist erfrischend anders. Der People Mover, Detroits erste vollautomatische Hochbahn, bringt uns zum General Motors Renaissance Center (GMRENCEN), ein weitläufiges Areal für alle Arten von Veranstaltungen, Shops Büros und Restaurants.

Zuflucht in Detroit – Underground Railroad

Durch den Wintergarten blickt man den Detroit River, der gemächlich unbeirrt seinen Weg vom Eri See in den Lake St. Clair nimmt. Am Ufer gegenüber weht rot auf weiß das Ahornblatt im Wind. Nur wenige Gehminuten über die Ambassador Bridge trennen Michigan und das kanadische Ontario.

Zwischen 1830 und 1865 war der Nachbar Zufluchtsort für mehr als 50 000 Sklaven aus den Südstaaten. Wer es über den Underground Railroad aus den Südstaaten bis nach Detroit schaffte, war sicher, erfahre ich am Nachmittag im Charles H. Wright Museum of African American History. „Heute ist Windsor auf der anderen Uferseite eine gute Position, um die neue prächtige Skyline von  Detroit in aller Ruhe zu genießen“, sagt Kalynne. Aber auch diesseits ist die Riverfront ein herrlicher Ort. 

Kinder spielen zwischen Wasserfontänen. Skateboarder erproben die weite Fläche, Männer in Businessanzügen und Spaziergänger schlendern zwischen Joe Loiuis Arena und Gabriel Richard Park die Uferpromenade entlang. In den Glasfassaden der Wolkenkratzer spiegelt sich die Septembersonne über dem Detroit River. MoGo Bike Share bietet Leih-Fahrräder an. Überall werden verwaiste Grundstücke in Parks verwandelt und alte Bahntrassen aus den 1830er-Jahren zu Radwegen.  „Auch die Jefferson Avenue soll fußgängerfreundlich werden“, erklärt Kalynne.

Überhaupt bevölkern immer mehr Fußgänger und Radfahrer die einstige Motor City. Ausgerechnet Detroit wirbt mit einem grünen Herzen. Mehr als 1000 Urban Gardening Projekte gibt es in der Stadt. Am Anfang waren sie pure Notwendigkeit, weil ein Supermarkt nach dem anderen schließen musste. Inzwischen sind sie ein Statement. „Detroit will nicht zurück in die Vergangenheit. Diese Stadt will wieder eine Zukunft.“ Dazu gehört auch ein Transportmittel wie die QLine. Gerade erst eingeweiht, verkehrt die batteriebetriebene Straßenbahn entlang der Woodword Avenue, Detroits Prachtboulevard.

Eines der besten Museen der USA in Detroit

Hier in Midtown liegt eines der schönsten Bauwerke der Stadt und eines der bedeutendsten Kunstmuseen der USA, das Detroit Institute of Arts (DIA). Linda Cadaris erinnert sich noch genau an das Jahr 2000. Damals stand die heute pensionierte Lehrerin mit knapp 100 Detroitern vor dem DIA und verhinderte sprichwörtlich in letzter Minute den Verkauf der renommierten Kunstsammlung. Mehr als 65 000 Exponate sollten unter den Hammer.

Darunter so seltene Schätze wie van Goghs erstes Selbstporträt. Bekannt ist das DIA aber vor allem für Diego Rivera’s gewaltiges Fresco „Detroit Industry“ im Foyer des Museums. „Ich bin noch immer in jeder meiner Führungen überwältigt von der Schönheit dieser Sammlung“, sagt sie.

Detroit ist mehr als nur „Lost Places“

Jahrzehnte hatte Detroit seinen Gästen kaum mehr zu bieten als Elendstourismus und Stadtführungen zu den „Lost Places“. Jetzt komme ich kaum hinterher, wenn Renee Monforton all die milliardenschweren Investions-Projekte aufzählt, die gerade abgeschlossen sind oder vermerkt unter „coming soon…“. Ich treffe die Kommunikations-Chefin von Detroit Tourismus im Grey Ghost, einem der neuen angesagten Restaurants der Stadt. Die Küche ist grün, frisch und jung, mit Produkten von Detroits ältestem Farmer Markt, dem Eastern Market.

Jeden Tag eröffnet irgendwo ein neues Hotel, ein Restaurant, eine Brauerei oder Unternehmen wie „Third man records“. Gleich hinter dem Konzeptstore werden in der gläsernen Produktionshalle nee Hits in Vinyl gepresst. Detroit steckt voller Überraschungen. Längst ist Michigans Comeback-Metropole der Geheimtip unter internationalen Künstlern. In Detroit finden sie, was in Big Apple lange verloren ist: Günstige Mieten, Platz und Gestaltungsspielraum. „The Belt“ zwischen Broadway und Library Street haben Künstler des Library Street Collective zusammen mit Bedrock Real Estate Services in eine fantastische Streetart Gallery verwandelt.

Am besten erzählt man Detroits Geschichte eben in der Vergangenheit und der Gegenwart – auch in Zukunft.

Die Autorin reiste auf Einladung von Pure Michigan und Visit Detroit.

Infos: www.visitdetroit.com und www.michigan.org

Anreise: Von Berlin, Frankfurt, Düsseldorf und München fliegen verschiedenen Airlines nach Detroit. Mit United Airlines fliegt man beispielsweise über Chicago. 

Übernachten: Zum Beispiel im Atheneum Suite Hotel and Conference Centers www.atheneumsuites.com

Unterwegs MoGo Bike Share: An 43 Stationen sehen Leiernder zur Verfügung. Ein Tagesticket kostet 8 Dollar. Einfach und schnell kommt man mit der Hochbahn People Mover voran. Eine Fahrkarte koste 75 Cents. Die QLine verbindet Downtown Detroit, Midtown und New Center mit North End. Das Ticket kostet 1,50 Dollar.

Essen & Trinken: Zum Beispiel im  Grey Ghost in Midtown, www.greyghostdetroit.com, Craft Beer Brauerei Jolly Pumpkin Pizzeria & Brewery, www.jollypumpkin.com

Kultur:  Detroit Institute of Arts www.dia.org; Charles H. Wright Museum of African American History, www.thewrigth.org; Motown Museum, www.motownmuseum.org; Henry Ford Museum, www.thehenryford.org; Detroit Jazz Festival, www.detroitjazzfest.com; Streetart Gallery The Belt, www.thebelt.org

Film „Detroit“ von Kathryn Bigelow

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