„Waldness“ statt Wellness – Glückliche Waldgänger im Altmtal

Der Wald hat ungeahnte Kräfte. Nicht nur auf uns Menschen wirkt er regenerierend. Auch das Almtal im oberösterreichischen Salzkammergut könnte er touristisch neu beleben, mit Waldness.

Aus den Tiefen steigt der Nebel. Über dem dichten Blätterdach leuchtet der große Wagen in der blau-schwarzen Nacht. Zwischen Ästen, Laub und Unterholz herrscht betörende Stille. Noch ist der Weg kaum zu erkennen. Aber ganz allmählich schiebt der Tag über dem Almtal, die Nacht aus dem Hochwald am Kasberg. In der kühlen Luft verströmen Fichten und Tannen, feuchte Erde und Pilze ihren Duft. Er riecht nach Ruhe und neuer Kraft. Der Wald ist nicht nur Ort unzähliger Mythen, er ist auch heilsam.

Sonnenaufgangswanderung am Kasberg. Foto: Flora Jädicke

 

Nur wenige Minuten später tauchen die ersten Sonnenstrahlen die Gipfel am Toten Gebirge in ein sanftes Rosa. So eine Sonnenaufgangswanderung durch den Wald hinauf ist besser als jedes Fitnessstudio, erklärt Waldness-Coach Kerstin Diensthuber, „und dass „Waldluftbaden“ für Körper und Geist wirkt wie ein Jungbrunnen.

Längst ist der sogenannte Biophilia-Effekt im Ausland bekannt. In Japan kennt man das „Shinrin Yoku“, was übersetzt soviel bedeutet wie „Waldbaden“. In Neuseeland nennt man ihn „Forrest Medicine“. Immer öfter verschreiben Ärzte in den USA, in Japan oder in Südkorea ihren Patienten eine Waldtherapie. Weil der Wald das Immunstystem stärkt.

Im Almtal haben findige Touristiker daraus ein wohliges Tourismuskonzept gezimmert. Der Wald ist ein wunderbarer Therapeut“, sagt Hüttenwirt Hermann Hüthmayr, einer der Väter von „Waldness“. Er gab dem Projekt seinen Namen. Der Besitzer der Familienalm „Hochberghaus“ sorgt nicht nur seit Jahrzehnten für Wohlbefinden auf 1200 Metern. Er ist auch Gründer der „Kinderhotels“ in Österreich.

Waldness – Tourismus mit Augenmaß

Mit dem Almtal hat er noch viel vor. Sein „Ruhestand“, ein „Strandkorb“ für den Wald im Almtal ist die wohl herzigste Idee und sie macht dem 64 Almtaler sichtlich Spaß. In den kommenden Jahren soll der Wald-Tourismus weiter ausgebaut werden. Im Tal und auf 1000 Meter Seehöhe sollen sogenannte Waldness-Resorts mit jeweils zehn bis 15 Lodges entstehen. Außerdem ist ein „Waldness-Spa“ geplant, eine Art Gesundheitszentrum mitten im Wald. „Wir wollen wieder mehr Bezug zur Natur herstellen“, sagt er.

Hermann Hüthmayr nur im Wald im „Ruhestand“ – seinem „Strandkorb“ für den Wald. Foto: Flora Jädicke

Hier im Süden des Salzkammerguts haben Elmen und Elfen ihre Heimat. Die kleinen Naturgeister gaben dem Almtal seinen Namen. Sie tun dem Menschen wohl. So sagen die Einheimischen. Wahrscheinlicher aber ist, und das ist mittlerweile wissenschaftlich erwiesen: Der Wald tut gut. Je älter er ist, desto heilbringender wirkt er. „Es ist das spezielle Licht, das Grün“, sagt Kerstin. Aber allen voran sind es die Terpene, sagen Wissenschaftler. Unsichtbare Duftstoffe, die vor allem Nadelbäume verströmen. Mit diesen Botenstoffen kommunizieren miteinander. „Ja“, sagt Kerstin, „sie passen auf einander auf. Geben Informationen über Wasser, Licht und andere lebenswichtige Umstände weiter.“ Eine Art „wald-wide-web“ für Baum und Mensch.

Nadelbäume verströmen besonders viele Terpene. Foto: Flora Jädicke

Diese bioaktiven Substanzen sorgen nicht nur für den Plausch zwischen Fichte, Tanne, Lärche und Buche. Die Waldbäume senden ihre erfrischenden Botenstoffe auch an den Menschen. Also doch Elmen und Elfen? Kerstin schmunzelt. Die Pheromone gelangen mit der Waldluft über Haut und Lungen direkt in die unsere Körperzellen. Dort helfen sie sogenannten Killerzellen bei Abwehr von Krankheiten.

Ein Tag im Wald reicht und die Anzahl dieser nützlichen Killer steigt bis zu 40 Prozent an. Blutzucker und Blutdruck dagegen sinken. Der Herzrhythmus reguliert sich genauso wie der Adrenalinausstoß. So ein Waldaufenthalt reduziert Stress, fördert gesunden Schlaf und stärkt das Immunsystem. Es ist also weder Hexenwerk noch Esoterik-Zauber. Aber sehr gesunde Tiefenentspannung.

Rund um den tief grünen Almsee. Foto: Flora Jädicke

So kompliziert es klingt, so einfach ist es. Ganz ohne Anstrengung, nur einfach im Wald sein, ist das ganze Geheimnis. Und so stapft die kleine Wandergruppe frühmorgens mit viel Elan die drei Kilometer bergan. Nicht ohne Lohn. Das Sonnenaufgangsfrühstück im Baumhaus am Hochberghaus auf 1200 Seehöhe entschädigt für das allzu frühe Ende der Nacht. Waldkräuter Massage, Wildkräuter-Brotaufstrich, Honig vom Hochberghaus und selbstgebackenem Brot aus dem Tal. Was will man mehr?

Waldness – Wald fühlen, riechen und hören

Später heißt es für die „Waldness-Pioniere“: Ins Moos legen. Förster Fritz Wolf will den Wald erlebbar machen – ruhend und mit allen Sinnen. Auf weichem Moos, unter dicht belaubten Fichten, Tannen und Lärchen fühlt seine Gäste dem Wald nach. Hören, Riechen, Fühlen. Die Bäume stehen hier so dicht, dass jedes Geräusch die Fantasie anregt. „Waldpädagogik ist ein fester Bestandteil eines Waldness-Aufenthalts im Almtal“, sagt Wolf.

Den Wald mit allen Sinnen erleben mit Förster Fritz Wolf. Foto: Flora Jädicke

Bereits seit Mitte der 90er-Jahre betreibt der Jäger, Oberförster und Koch eine Waldschule. Auf einer Wiese am Rande der Gemeinde Grünau hat er ein, 200 Jahre altes Heustadel, zum Klassenzimmer umgebaut. Hier hält er Rat mit seinen Gästen, bewirtet sie und erklärt die wunderbare Welt des Waldes.

Waldness – das sind 5 Tage bei Doktor Wald

Fünf Tage dauert ein Waldness-Aufenthalt im Almtal. Und das bei jedem Wetter. Filzhut und Wetterfleck sorgen dafür, dass man das Waldbaden nicht allzu wörtlich nehmen muss. „Ein ordentlicher Wolkenbruch aber“, sagt Förster Wolf, „bringt den Wellness-Effekt erst richtig in Schwung. Mit jedem Regentropfen strömen auch die Botenstoffe.“

Förster Fritz Wolf ist Herr über den Almtalwald bei Greinau und die kleine Waldschule. Foto: Flora Jädicke

Den Filzhut dürfen Waldness-Gäste mit nach Hause nehmen. Der Lodenmantel ist eine Leihgabe. Waldness hält nicht nur diejenigen fit, die in Grünau, Oberösterreichs waldreichster Gemeinde, ihre Heimat haben. Sie bringt auch gestresste Städter wieder ins Lot. Dabei greifen die Guides auf viele Facetten des Waldes zurück. Für Wohlbefinden sorgen sie alle.

Nicht so einfach wie es aussieht ist das Wald-Wyda. Eine alte keltsiche Yoga Varianten. Foto: Flora Jädicke

Beim Wald-Wyda rückt man unter kundiger Anleitung Stress und innerer Unruhe zu Laibe. Die Meditationsform geht auf keltische Druiden zurück. Im Almtal haben sich die Marienschwestern vom TEM-Zentrum in Bad Mühllacken der alten Yoga-Form angenommen. Man sagt ihr nach, den Energiefluss und die Beweglichkeit zu verbessern.

Wanderführerin Sabina Haslinger führt die Gruppe nicht nur sicher und mit viel Fürsorge zum Gipfel. Oben angekommen ermuntert sie jeden: „Es darf gejuchzt und gejodelt werden!“ Eher still und entspannt blinzelt man anschließend in den blauen Himmel. Sanft gebettet auf ein Luftsofa (Lay Bag) liegt man wie auf Wolken, genießt die Stille und saugt tief die vom Duft der Kiefern satte Luft ein.

Wassertreten nach Pfarrer Kneip, bei konstant 10,5 Grad Celsius. Foto: Flora Jädicke

Tags darauf führt Maria Hageneder in die Welt der Kräuter und die fünf Säulen des Wassertretens nach Pfarrer Kneipp ein. Ob Sommer oder Winter, der Schindlbach hat stets 10,05 Grad Celsius Wassertemperatur. „Die Ideale Temperatur zum Waldkneipen“, sagt Hagender. Das stärkt das Immunsystem und ist der ideale Einstieg in die gut zwei Kilometer lange Tour durch den Märchenwald im Schindlbachtal. Zwischen alten Märchenfiguren wachsen hier Fetter Henne, Gänsefingerkraut oder Brennnessel, wilder Thymian, Schafgarbe, Frauenmantel und Spitzwegerich. Maria Hageneder weiß zu jedem Kraut eine Geschichte zu erzählen und hat überdies nützliche Tipps für die Verwendung der Heilkräuter.

Bei Waldness kommt der Wald auf den Teller

Die Schätze des Waldes landen im Almtal auch auf dem Teller. Denn auch kulinarisch hat der Wald einiges zu bieten. Am Wegesrand wuchern wilde Kirschen, Walderdbeeren, Brombeeren und Himbeeren. Nach Waldkneipen und Kräuterkunde wartet eine schmackhafte Brotzeit am Rande des Märchenwaldes. Herzhafte Almtaler Spezialitäten, wie der fette und aromatische Speck vom Mangalitzaschwein , Rohmilchkäse, auch von Schaf und Ziege. Dazu ein „Wildschütz“-Bier von der nahe gelegenen Schlossbrauerei Eggenberg in Vorchdorf.

Nach dem Kneipen im Märchenwald wartet eine ordentliche Brotzeit. Foto: Flora Jädicke

Kulinarisch ist der Wald so vielseitig wie seine Flora und Fauna. Waldness-Unterkünfte und -Restaurants bieten unterdessen „Waldness-Menüs“ an. Allerdings ist einwenig Planung nötig, da einige Anbieter montags oder dienstags geschlossen haben. Der Wald im Almtal aber ist immer offen. Rund um den grün schimmernden Almsee oder die verwunschen gelegenen Ödseen verströmt er unablässig seine heilsame Wirkung.

Auch Einheimische genießen Ruhe und Waldness pur am Almsee. Foto: Flora Jäicke

Hier gibt es alle Infos zur Waldness:

Die WALDNESS-PAUSCHALE

Pauschale für vier Übernachtungen in einer „Waldnessunterkunft“ auf dem Bauernhof, in der Privatpension oder im Hotel mit Frühstück, Waldspaziergang und Wald-Wyda im Schindlbach, Besuch in der Waldschule inklusive

Waldbuffet, Tauwanderung und Sonnenaufgangsfrühstück im Baumhaus, Waldmassage, Latschenbad, Jodeln und Gipfeltreffen, Waldkneippen in Schindlbach, Waldjause von heimischen Direktvermarktern ist ab 358 Euro buchbar.

WALDNESS® Bauernhof oder Privatpension ab € 358,00; WALDNESS® Hotel ab € 363,00

WALDNESS® Resort ab € 410,00; WALDNESS® Chalet ab € 500,00

In den kommenden Jahren soll der Wald-Tourismus weiter ausgebaut werden. Im Tal und auf 1000 Meter Seehöhe sollen sogenannte Waldness-Resorts mit jeweils zehn bis 15 Lodges entstehen. Außerdem ist ein „Waldness-Spa“ geplant, eine Art Gesundheitszentrum mitten im Wald.

Informationen: Tourismusverband Almtal, info@almtal.at, waldness.almtal.at

Und so wirkt der Wald:

Der sogenannte Biophilia-Effekt: „Waldluftbaden wirkt sich positiv auf die Herzgesundheit aus“, sagt Martin Spinka. Der Alternativmediziner hat in einer medizinischen Langzeitstudie die gesundheitlichen Wirkungen des Waldes untersucht. Das Ergebnis: Bei einer durchschnittlichen wöchentlichen Aufenthaltsdauer im Wald von 250 Minuten ergaben sich messbare Veränderungen im vegetativen Nervensystem. Spinka wollte nachweisen, dass „Menschen, die sich regelmäßig im Wald aufhalten, sich weniger erschöpft fühlen.“ Der Aufenthalt im Wald rege zudem die Verdauung an, bringe erholsamen Schlaf und fördere die Widerstandskraft des Körpers. Wissenschaftler konnten nachweisen,  Baumharze beinhalten rund 150 verschiedene Wirkstoffe.

Das Almtal liegt am südlichen Rand im Salzkammergut. Rund 30 Kilometer von Wels entfernt. Es zählt zu den waldreichsten Regionen Österreichs. Rund 48 Prozent der Fläche der Alpenrepublik sind Wald. Damit liegt Österreich in Europa im Spitzenfeld.

Jährlich kommt neuer Wald hinzu. Die Fläche ist etwa so groß wie 5500 Fußballfelder. Alleine in Grünau werden an die 120.000 Bäume pro Jahr gepflanzt. Untersuchungen zu folge wächst der Wald heute schneller als vor einem viertel Jahrhundert. Grund dafür ist der hohe Stickstoffgehalt in der Luft.

Copyright: Alle Bilder Flora Jädicke

Der Almsee liegt wie ein Juwel inmitten von Bergen und Wäldern des Almtals. Foto: Flora Jädicke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.