Winnipeg und ein Denkmal für Menschenrechte

Winnipeg ist weit mehr als ein Zwischenstopp zwischen Ost- und Westküste und jede Reise wert. In der siebtgrößten Stadt des Landes haben die Kanadier den Menschenrechten ein Denkmal gesetzt. Das Canadian Museum of Human Rights ist einzigartig in der Welt.

Wer nach Winnipeg will, muss weit hinein fahren ins Land. Nach Manitoba. Die Cree nannten die Provinz zwischen Saskatchewan im Westen und Ontario im Osten, zwischen Nunavut im Norden und dem amerikanischen North Dakota und Minnesota im Süden „Manitou bou“. Was soviel heißt wie „Engpass des Großen Geistes“.

Ufer am Red River. Foto: Flora Jädicke

Die Region mach ihrem Namen alle Ehre. Denn der Reisende aus Europa lässt auf seinem Weg nicht nur Quebec, Montréal und Toronto hinter sich. Er muss auch sozusagen durch den „Engpass“ in seinem Kopf, flankiert von all den gängigen Kanadabildern, von schneebedeckten Bergen, wilden Flussläufen, dramatischen Wasserfällen und endlos scheinenden Wäldern.

„Hier, wo Kanadas Herz schlägt – wie Winnipegs Einwohner gerne behaupten, ist vor allem eines endlos: die Weite der Prärie und die Liebe der Menschen zu ihrer Provinz und der Stadt“, sagt Bob. Ich treffe ihn in der Academy Road im alteingesessen Coffee and Tee Store Cornelia Bean. Der Geschäftsmann aus Ontario hat holländische Wurzeln und lebt seit einer halben Ewigkeit in der Stadt. Ganz in der Nähe hat er sich niedergelassen, im schicken Stadtteil Tuxedo mit seinen Holzvillen, großen Vorgärten und prächtige Alleebäumen.

Winnipeg – ein Geheimtipp

Das noble Quartier grenzt an den Assiniboine River und einen der größten Stadtwälder Kanadas. Am Abend huschen hier die Rehe durch die Vorgärten. Nur wenige Minuten entfernt, kann man Manitobas Wildtiere im Assiniboine Park Zoo erleben. Hauptattraktion ist die „Journey to Churchill“. 

Eisbär im Assiniboine Zoo. Foto: Flora Jädicke

Hier bekomme ich einen Vorgeschmack auf die arktische Artenvielfalt im Norden Manitobas an der Hudson Bay. Gut geschützt in einem Unterwasser-Glastunnel – der Sea Ice Passage – gehe ich auf Tuchfühlung mit Eisbären und schaue Ringelrobben beim Synchronschwimmen zu.

Winnipeg ist jede Reise wert

„Manitobas Hauptstadt ist noch immer ein Geheimtipp“, sagt Bob. Eine pulsierende Metropole mit Weltstadt-Attitüde und der heimeligen Atmosphäre einer Stadt, in der kaum mehr als 660.000 Einwohner leben. Ein bunt gemischtes Volk, aus aller Herren Länder, First Nations und Métis.

 

Die Kanadier verbringen ihre Zeit gerne draußen. Sogar kulinarisch zieht es ins Freie auf Dountown’s größtes Straßenfest, dem Food Truck Festival „Manyfest“ oder bei Minusgraden ins angesagte Pop Up Restaurant Raw: almond von Starkoch Mandel Hitzer auf der Eisfläche zwischen Assiniboine und Red River. Winnipegs Großstadtleben ist eine inspirierende Melange aus Lebenslust und kanadischer Entspanntheit.

Mich aber zieht es erst einmal in Winnipegs ikonisches Wahrzeichen am Ufer des Red River – in das Museum of Human Rights (CMHR). Kanadas einzigem nationalem Museum außerhalb der Hauptstadt Ottawa.

Ein Denkmal für die Menschenrechte

Längst hat es die Stadt in der kanadischen Prärie zur heimlichen Hauptstadt der Menschenrechte gemacht und sie aus dem touristischen Dornröschenschlaf geholt. Winnipeg hat den höchsten Anteil an First Nations unter allen kanadischen Großstädten. „Da kommt es nicht von ungefähr, dass ausgerechnet hier ein Museum wie das CMHR steht“, sagt Bob.

Das CMHR ist von allen Seiten eine architektonische Meisterleistung. Foto: Flora Jädicke

Wie eine Wurzelknolle, die sich mit ihren vier Armen fest in den Boden krallt, ruht das imposante Bauwerk in seiner Haut aus Glas unter dem 100 Meter hohem „Tower of Hope“, auf dem historischen Boden des National Historic Site of The Forks – Winnipegs schönstem Park. Es ist nicht gerade ein Tag, um ins Museum zu gehen. Das hohe Präriegras vor dem Eingang wippt fröhlich unter der Spätsommersonne und über Manitobas Hauptstadt spannt sich ein leuchtend blauer Himmel.

Fast 700 Jahre ist es her, dass die Stämme hier ihr großes gemeinsames Friedenstreffen abhielten. „An diese Tradition knüpft das Museum an“, sagt Tourguide Marilyn Dykstra.

Meine Reise durch die Geschichte von Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit oder das Recht auf die eigene Sprache beginnt in rabenschwarzer Dunkelheit. „It will be a journey from darkness to light“, verspricht Marilyn.

Sie steht entschlossen in der „Buhler Welcome Hall“ und stemmt die Beine fest auf den Boden, als wolle sie den Fußabdruck ihrer Vorfahren, den Archäologen an dieser Stelle fanden, und der im Museum zu sehen ist, tief in unser Gedächtnis drücken.

Willkommen in Hunderten von Sprachen. Foto: flora Jädicke

Die schwarze Wand in der Eingangshalle ist übersät mit handgeschriebenen Willkommensgrüßen in Hunderten Sprachen. An der Stelle, an dem sich heute der „Asper Tower of Hope“ des CMHR in den Himmel reckt, hatte sich das Schicksal der Ureinwohner einst radikal verändert. Seit mehr als 6.000 Jahren kamen die Nations und Inuit aus allen Teilen des Kontinents an den Zusammenfluss von Assiniboine und Red River. Hier feierten sie ihre Riten und führten Verhandlungen.

Pelzhänder und die Houdsons’s Bay

Als 1738 die Europäer kamen, wendete sich das Blatt. Jetzt trafen sie hier auf die Pelzhändler der mächtigen Houdson’s Bay Company und machten mit ihnen Geschäfte. Nicht immer auf Augenhöhe und zunehmend unter der Knute der britischen und französischen Kolonialherren.

Seine Geburtsstunde erlebte Winnipeg schließlich mit Ankunft der Canadian Pacific Railway. Das gewaltige Eisenbahnprojekt verband die Ostküste am Atlantik mit Kanadas Westen am Pazifik.

1886 wird der Handelsposten mitten in Kanadas Wildnis schließlich zur wirtschaftlichen Drehscheibe zwischen den Provinzen. Die Geschäfte der Europäer blühen. Die Tragödie der First Nations aber endet erst Mitte der 1990er Jahre, als die letzte der Residential Schools, zur Umerziehung der Ureinwohner, schließt.

Es war und bleibt nicht die Einzige, die das CMHR erzählt. Auf elf Galerien stellt sich das Museum multimedial und in persönlichen Geschichten der Frage der Menschenrechte und ihrer Verletzungen in aller Welt. Dieses Museum folgt einem ausgewogenem Konzept, bis hinen in die  Architektur, die das Thema ebenfalls aufgreift.

Architektur , die Geschichte erzählt

Über dem Raum breitet sich die gewaltige Deckenkonstruktion mit Stahlträgern aus. „Jeder Stein, das Material, die Konstruktion: alles hat einen Bezug zu den Menschenrechten“, sagt Marilyn. Nichts hat Architekt Antoine Predock dem Zufall überlassen. Wie entlang einer Lebensader führt der Weg durch das Museum über sanft, leuchtende Alabaster Rampen, vom Eingang bis zum Asper Tower of Hope.

Alabaster Rampen. Foto: Flora Jädicke

Marilyn hatte Recht: „It will be a journey from darkness to light.“ Wer sich hier auf den Weg macht, wird nicht unberührt oben ankommen. Er wird durch Dunkelheit gehen. Aber auch viel Licht sehen, in all den Geschichten, in denen sich Menschen erfolgreich für Menschenrechte eingesetzt haben. Viel Ruhe und Entspannung findet man zwischen den Etagen im Stuart Clark Garden of Contemplation

Blick aus dem Asper Tower of Hope. Foto: Flora Jädicke

Der „Turm der Hoffnung“ gibt den Blick am Ende wieder frei. Durch seine gläserne Fassade leuchtet jetzt wieder das unschuldige Blau des Himmels. Nachdenklich und gleichzeitig ermutigt genieße ich den großartigen Blick über eine wirklich coole Stadt.

Jenseits des Flusses liegt Winnipegs französisches Quartier, St. Boniface. Mir fallen Bobs Worte ein: „Hier kannst Du bis zum Horizont sehen, großartige internationale Kultur erleben und tief, tief durchatmen.“

Winnipeg  – immernoch very „laid back“

Am Abend begleitet mich Bob durch eine Stadt, die immer noch „very laid-back“ ist und trotzdem mehr und mehr trendy ist. Im Exchange District glänzen die gläsernen Wolkenkratzer im letzten Sonnenlicht.

Wandeln die terra-cotta-farbenen Fassaden der alten Handels- und Lagerhäuser aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts langsam ihr Antlitz im Abendrot. Viele wurden saniert und mit neuer Architektur ergänzt, wie das Red River College.

Wir schlendern die Main Street entlang vorbei am Manitoba Museum of Man and Nature. Im benachbarten Theater District und in Downtown macht sich Winnipeg kulturell einen Namen auf internationalem Niveau. Mit dem Royal Winnipeg Ballett oder der Winnipeg Art Gallery. Sie zeigt die größte Sammlung zeitgenössischer Inuit-Kunst weltweit.

Winnipeg – herrlich echt und ungeschminkt

Später auf der Portage Avenue erleben wir das ungeschminkte, echte Kanada mit seinen Gegensätzen. „Ich würde mir wünschen, dass wir das Zusammenleben mit den First Nations irgendwie noch besser hinkriegen“, sagt Bob. „Wir sind doch eine kleine Provinz. Wenn nicht wir, wer dann.“

Aufgang im Parlamentsgebäude „The Legaslative Building“. Ein Parlament voller Geheimnisse. Foto: Flora Jädicke

Vom Broadway, der zum Trans Canada Highway 1 gehört, blickt der „Golden Boy“ herab. Weithin sichtbar auf der Kuppel des „Legislative Building. Es ist der wohl geheimnisumwobenste Parlamentssitz der Welt. 1920 hat der Freimaurer Frank Lewis Worthington Simon hier das ganze geheime Wissen seiner Loge in Architektur gegossen.

Der „Golden Boy“ auf der Parlamentskuppe des Legaslative Building. Es ist Hermes der Götterbote aus der griechischen Mythologie. Foto: Flora Jädicke

Gelüftet werden die architektonischen Geheimnisse in einer ungewöhnlichen Stadttour, der Hermetic Code Tour. Ein spannender Ausflug in die verborgene Welt der Freimaurer.

Und doch ganz und gar Kanada

Bob verrät mir ein anderes Geheimnis. Wenn es ihn am Wochenende in die kanadische Wildnis zieht, ist er in weniger als zwei Stunden im Whiteshell Provical Park, im Osten an der Grenze zu Ontario oder im Riding Mountain National Park, an der Westgrenze zu Saskatchewan, auf den Fährten von Bisons, Wölfen und Bären. Sogar Eisbären kann man in Churchill an der arktischen Hudson Bay in freier Wildbahn erleben. Da gibt es dann auch wieder ein paar typische Kanadabilder für die Kamera.

Insel im High Lake im Whiteshell Provincial Park an der Grenze zu Ontario. Foto: Flora Jädicke

 

Anreise: Von Deutschland aus fliegt man Air Canada über Toronto nach Winnipeg.

Wohnen: In Winnipeg schläft man im Inn At the Forks in komfortablen Zimmern mit exzellentem Frühstück. Es liegt zentral am historischen Forks Park. www.innforks.com.

Restaurants & Bars: In Winnipeg isst man ausgezeichnet im Forks Market direkt gegenüber dem Inn At the Forks. Neben vielen Boutiqueshops findet man hier auch internationale Küche. www.theforks.com.

Im Stadtteil Exchange District sollte man unbedingt im Restaurant deer + almond, www.deerandalmond.com essen. Nur wenige Straßen entfernt in der Albert Street kann man anschließend fantastische Cocktails in der Albert Street Cocktail Company www.cocktailcompany.ca. trinken.

Informationen und die App des Canadian Museum of Human Rights CHMR unter: www.museumforhumanrights.ca

Hermitic Code Tour: www.heartlandtravel.ca

Assiniboine Park Zoo: www.assiniboineparkzoo.ca

FoodTruck Wars Festival : www.manyfest.ca

Ausflüge ab Winnipeg: Im Whiteshell Provincial Park bietet das Falcon Lake Ressort Ruhe und Abgeschiedenheit und typisches kanadisches „Cabin-Life“ in rustikalen und komfortablen Hütten. www.falcontrails.mb.ca.

Im Riding Mountains Nationalpark schläft man hervorragend im Lake House Boutique-Hotel www.staylakehouse.ca im Örtchen Wasagaming. Außerhalb des Touristenortes bietet z.B. das Honeycomb B&B www.honeycombclearlake.com verträumt historische Übernachtungen in familiärer Atmosphäre an. Die Tochter des Hauses betreibt den privaten Charter und Tourservice Shuttle Bug, der seine Gäste durch ganz Manitoba fährt www.shuttlebugclearlake.com.

Zeitunterschied: Wer von Deutschland nach Winnipeg fliegt, dreht die Uhr 7 Stunden zurück.

Währung: In Kanada gilt der kanadische Dollar, Umrechnungskurs: 1 Euro = 1,45 kanadische Dollar.

Weitere Informationen zu Manitoba und Winnipeg unter: www.travelmanitoba.com und www.tourismwinnipeg.com

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