Hygge – Warum Dänen so glücklich sind

Heute ist „International Happiness Day“. Das mag manchem etwas seltsam erscheinen, angesichts der Lage der Welt. Aber Glück ist eine ernstzunehmende Sache. Tag ein Tag aus sind Menschen damit beschäftigt, glücklich zu werden. Wahre Weltmeister darin scheinen die Dänen zu sein. Glücksforscher Meik Wiking hat darüber ein Buch geschrieben: Hygge – Ein Lebensgefühl, das einfach glücklich macht. Wir haben uns auf Spurensuche begeben.

Von Flora Jädicke

Als ich an diesem Morgen aufwache ist mir nach allem nur, nicht nach Happiness Day oder gar Hygge. Jener wohligen, ruhigen und unaufgeregten Geborgenheit, die  Dänen zum Kulturgut erhoben haben.  Es ist Frühlingsanfang und draußen hängen die Wolken schwarz und tief über der Stadt. Ein unangenehmer Wind pfeift durch die Gassen. Am liebsten würde ich die dicken Socken wieder hervorholen, einen Kamin anzünden, mit Freunden literweise Kakao trinken und den Duft von Kuchen schnuppern, umstellt von einem Wald von Kerzen. Stattdessen hetze ich ins Büro, Meik Wikings Hygge-Buch unter dem Arm. Mal sehen was der inoffiziellen Glücks-Beauftragte der Dänen zu meinem Anflug von Heimeligkeit zu sagen hat. Die Dänen nennen es „hygge“ und sie wissen wie man es sich drinnen lauschig macht, wenn es draußen ungemütlich wird.

Hygge  – eine echte Wissenschaft

Meik Wiking ist CEO des Kopenhagener Instituts für Glücksforchung. Studiert hat er eigentlich Wirtschafts- und Politikwissenschaften. Anschließend hat er für das dänische Außenministerium gearbeitet. Später in der Familienforschung und für einen  Think Tank, namens „Monday Morning“. Mittlerweile gibt es einige Bücher von ihm. Immer schreibt er über Glück, Wohlbefinden und Lebensqualität. Eines ist das im Lübbe Verlag erschienen Buch „Hygge – Ein Lebensgefühl, das glücklich macht.“

Autor Meik Wiking weiß wie das geht mit den Dänen und dem Glück. Foto: Chris McAndrew Photography Ltd.

Darin ist er der Sache auf den Grund gegangen, wissenschaftlich sozusagen. In 16 Kapitlen erklärt er, warum die Dänen so glücklich sind. Obwohl, das muss man auch sagen; Laut Weltglücksbericht haben die Norweger den kleinen Nachbarn in diesem Jahr vom Glücksthron geschubst. Im vergangenen Jahr lagen sie noch auf Platz vier des World Happines Reports der Vereinten Nationen und die Dänen belegten zum dritten Mal in Folge Platz eins. Mit unter den Top Five sind Island und Finnland. Das Glück liegt also im Norden. Soviel steht fest. Und so lange diese sympathische „Kunst der Innigkeit“ ein Lebensgefühl bleibt und nicht zur Marketingstrategie verkommt, werden die Dänen auch weiterhin zu den glücklichsten Menschen gehören und Hygge ein echtes Lebensgefühl bleiben.

Kein Hygge ohne Kerzen

Denn der wahre Schlüssel zum Glück ist Lebensqualität. Die macht Wiking in vielen kleinen Dingen des Alltags aus. In der „Freude an der Gegenwart“, Work-Life-Balance, Wohlstand, harmonischem Design, Zufriedenheit und Sicherheit, „Kerzenschein und Kakao“.

Hygge ohne Kerzen ist nicht denkbar

behauptet der Glücksforscher. Und wenn man die Dänen fragt, was sie denn mit Hygge verbinden, dann sagen „überwältigende 85 Prozent“: „Kerzen“, schreibt er. Die Dänen sagen aber auch, das „Hygge“ ein rein dänisches Phänomen sei. Dem widerspricht der Landsmann. „Hygge ist für alle da“, darauf legt Wiking wert. Hygge ist also Gemeingut und Gemeinwohl. Wahrscheinlich liegt darin auch schon das Geheimnis. Wenn man in das Buch hineinschaut, könnte man leicht den Verdacht hegen, hygge stelle sich erst ab einer gewissen Größe der Brieftasche ein. Als erstes präsentiert uns der Glücksforscher dänische Design-Legenden. Die PH-Lampe, die Klint-Leuchte und die Panton VP Globe. Allein  der Klang dieser Namen mag manchen schon ins Hygge-Reich vesetzen.

Sehnsucht nach Geselligkeit und Geborgenheit

Und auch ich bin ganz verhyggt, wenn es das Wort denn gibt. Zumindest aber ganz entzückt, angesichts dieser ganz und gar perfekten Welt, die der Glücksforscher dort von Interieur, über Kopenhagener „ein Blätterteig mit klebrigem Pudding in der Mitte“, dicken Socken, Kaminfeuer, Kerzenschein und gemeinsamen Kochen präsentiert. 267 Seiten stark ist das Werk. Schon die Buchseiten haben so eine hyggelige Farbe. Leicht rosé. Ganz zu schweigen vom Rest der pastellenen Welt in der vor allem eines herrscht: Harmonie. Irgendwie bleibt da alles andere außen vor. Trump, Erdogan und die Zerrbilder der Globalisierung. Aber genau dazu sei die Hygge der Gegenentwurf, erklärt der Glücksforscher.

„Politik ist unhyggelig“.

Hyggelig sind dagegen das „Zusammensein“, statt dem „Ich“ das „Wir“. Und es geht auch nicht ums Geld, sondern um den Moment mit Freunden, in Stille oder in der Natur. Hygge, das ist einfach ein behagliches Gefühl, in Gesellschaft, Vertrautheit, menschlicher Wärme und in Sicherheit. Man mag schmunzeln über diese Offensive der Gemütlichkeit zwischen zwei Buchdeckeln. Im Grunde aber steckt dahinter die Sehnsucht  aller Menschen nach Glück und Zufriedenheit. Wie groß die ist, zeigt ein kurzer Blick auf die Bestsellerliste der britischen Times. Wochenlang hält Wikings „Hygge-Buch“ die Spitzenposition. 2016 war sogar the „year of hygge“, glaubt man dem New Yorker.

Bastei Lübbe AG Köln

Ein paar Fakten aus der Glücksforschung gibt es auch. Und Ratschläge, wie man hineinkommt in den Hygge-Modus.  Illustrationen und Bilder vom perfekten Leben und sogar Koch- und Backrezepte hält Wiking bereit, um uns Hygge näher zu bringen. Zum Glück gibt es diese herrliche Lebensart in vielen Ländern. In Kanada heißt sie „Homeyness“, in Norwegen „Koselig“, in den Niederlanden „gezelligheit“ und in Deutschland „Gemütlichkeit“. Wikings Buch setzt sich dann aber doch etwas ab vom üblichen Ratgeber-Geseusel.

Dänen glücklicher als andere

Denn er versucht wirklich zu erklären, was die Dänen glücklicher macht, als Menschen in anderen Ländern. Der Glücksforscher glaubt, dass viele Faktoren dazu beitragen: die „Beziehungen, Gesundheit, Einkommen, Arbeit und das Gefühl für Sinn und Freiheit“. Den Hauptgrund aber sieht er im dänischen „Wohlfahrtsstaat“, weil er in der Gesamtbevölkerung das Gefühl von Unsicherheit, Sorge und Stress vermindere. Den aber haben andere nordische Staaten auch. Und regelmäßig landen auch sie auf den ersten Plätzen des Glücksreports der Vereinten Nationen.

Was also ist hygge mehr als das? Im Grunde genommen zeigt sich hygge  als „soziale Unterstützung“, in „Genießen und in Dankbarkeit“ und im „Alltäglichen Glück“, erklärt Meik Wiking. Hygge ist also mehr eine Haltung, als Designedekor oder Lifestyle-Trend.

Das gefällt mir. Das Dekor, der Kuchen und der Kakao vor dem Kamin in Kerzenschein aber auch. Ich bin klar der hygge Typ. Andere mögen sich langweilen, ich hingegen mag es hyggelig. Und am Ende ist hygge ohnehin, das was jeder daraus macht. Eben ein Lebensgefühl.

Titel der Originalausgabe: „The little book of Hygge. The Danish way to live well“, by Meik Wiking, deutsche Fassung bei Lübbe, aus dem englischen übersetzt von Ulrike Strerath-Bolz.

ISBN 978-3-431-03976-4

Hyggeliges Haus auf der kleinen dänischen Nordseeinsel Fanø. Foto: Flora Jädicke

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