Mit Techniken alter Völker die Wildnis erleben

Auf Tablet und Smartphone erobern wir digitale Welten. Von der  Natur vor der Tür kennen wir wenig. In St. Johann lernt man, wie man in dieser lebt.

Die Frage nach den Wildtieren nervt ihn fast. Als wenn die  Begegnung mit ihnen das einzige wäre, was der postmoderne Mensch im Umgang mit der Natur verlernt hätte. Oder schlimmer noch, wenn er ihr ausgesetzt ist. „Um den Wolf müssen wir uns jetzt nicht kümmern“, sagt Wildnis-Trainer Philipp Brunnhuber, „und auch nicht um Bären“.

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Die Quader müssen genau passen. Foto: Flora Jädicke

Schon eher kommt es in den nächsten Tagen darauf an, passgenaue Quader für ein Iglu aus der Schneedecke zu sägen. Rund um den kleinen, aber feinen Tiroler Skiort St. Johann liegt sie glitzernd über einer Waldlichtung am Fuße des Niederkaisers – die ideale Bühne für den ersten Winter-Survival-Kurs. Feuer machen, Beeren sammeln und im selbstgebauten Iglu übernachten:

Das wohldosierte Abenteuer hat Konjunktur. Wildnis-Trainer wie Brunnhuber bereiten uns auf die ungewohnte Begegnung mit der Natur vor. Im Gepäck hat er Axt, Naturseile und Messer, Feuerspindel – und das Know-how vergangener Kulturen.

Zwischen den sanften Erdhügeln, den Bäumen und Sträuchern rund um St. Johann wollen sich sechs  Abenteurer in der Winterlandschaft häuslich einrichten. Keine leichte Aufgabe. Zum Schutz vor Kälte und Wind brauchen sie ein Dach über dem Kopf, und sei es eines aus Eis und Schnee. Besonders schwer ist die Aufgabe aber auch nicht. Wer partout nicht fertig wird und länger braucht, um wildnistauglich zu werden, hat trotzdem Spaß. Denn keine 200 Meter hinter den Sträuchern versteckt sich rettend die Zivilisation mit Tiroler Charme. Eine Nacht im Gasthof Römerhof gehört zum Kurspaket.

Wildnis in Italiens Wäldern gelernt

Seine Ausbildung zum „Naturmentor“ hat Brunnhuber drei Jahre  lang in Italiens Wäldern absolviert. Er weiß einen Platz zu nutzen, ohne ihn auszubeuten. Wildnis-Guides wie er greifen dafür auf das Wissen der Naturvölker zurück. „Die alten Kulturen hatten eine persönliche Beziehung zu ihrer natürlichen Umwelt“, sagt er. Ihre Achtsamkeit gegenüber der Natur ist für ihn die beste Grundlage für Umweltschutz. „Das will ich euch mitgeben.“

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Schnee ist ein gefälliges Material, meistens jedenfalls. Foto: Flora Jädicke

Also machen wir uns an die Arbeit. Schneequader in Form sägen, stapeln und verputzen. Das alles erfordert etwas Geschick. Schließlich soll das Iglu nicht beim ersten Schnarcher zusammenbrechen. „Keine Sorge“, beruhigt Brunnhuber. „Auch wenn der Schnee schon unter der Frühlingssonne bröckelt, durch sein Eigengewicht wird er fest und das Iglu stabil.“

Wildnis mit Kuscheleffekt

Beim Probesitzen im Nachbariglu hat das Wildnisabenteuer  Kuscheleffekt. Gemütlich warm ist es im Eishaus. Das Licht bricht schillernd, weiß und blau durch die Schneeblöcke, und wie durch Watte gedämpft klingen Brunnhubers Worte herüber. 5000 Einzelinformationen stecken in einem Fährtenabdruck, erklärt er – und auch, wie man mit Wasserdampf und Naturseilen Schneeschuhe aus Eschezweigen fertigt oder Gefäße mit der Glutbrandtechnik schafft. Zugegeben, die Bedingungen sind paradiesisch. Hier gibt es für Wildnishungrige keine finstere Nacht unter freiem Himmel, die Gefahren bringt, keine wilden Tiere und keinen Nahrungsmangel.

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Philipp Brunnhuber erklärt wie man Fackeln mit Wachs herstellt. Foto: Flora Jädicke

Wer aber einen Winter- Survival-Kurs mit Philipp Brunnhuber absolviert hat, könnte es ohne Weiteres mit ihnen aufnehmen. Lena schleppt den nächsten Schneebaustein heran. Ilka passt ihn ein, und Ute macht die Fugen dicht. Keine zwei Stunden später steht ein ansehnlicher Unterschlupf. Und jetzt? Trockenes Gras sammeln für das Feuer.

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Wildnistrainer Philipp Brunnhuber ist vorbereitet. Jetzt kann die Nacht in der „Wildnis“ kommen. Foto: Flora Jädicke

Anreise: Auf der Autobahn über München und Kufstein nach St. Johann.

Wildnistraining: Winterwildnis und Iglubau in St. Johann werden wieder vom 15. bis 26. Februar 2016 angeboten (www.nativeskills.at).

Touren-Tipp: „Kas-Kreuz-Koasa“. Los geht es am Gasthof Altmühle in Gasteig/Kirchdorf. Gut eineinhalb Stunden über die Prostalm (im Sommer bewirtet), die Sprissleralm zum Bergkreuz und hinunter über den Ortsteil Hinterberg zur Schaukäserei „Wilder Käser“.

Die Reise wurde unterstützt von Kitzbüheler Alpen www.kitzbueheler-alpen.com

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